Herzlich willkommen!
Sie schreiben ein Buch oder ein Theaterstück? Sie arbeiten an einem Drehbuch oder an einer Kurzgeschichte? Glückwunsch! Schreiben ist eines der schönsten Dinge der Welt! Aber es ist auch eine der einsamsten und schwierigsten Beschäftigungen, wenn man alleine vor seinem Text sitzt, ohne Hilfe, ohne Unterstützung.Das will Tatort-Schreibtisch ändern!
Von den Profis lernen – das ist die Logline unserer Autoreninitiative. Erfahrene und erfolgreiche Schreib-Profis berichten auf dieser Webseite von ihrer Arbeit und verraten Ihnen Tipps und Tricks, mit denen Sie auf dem Buchmarkt oder im Drehbuchgeschäft erfolgreich sind.
Das Herz unserer Initiative ist das Autorenpaten-Programm. Hier bieten Ihnen über 40 renommierte und professionell schreibende Autorinnen und Autoren an, Sie und Ihr Schreibprojekt mit ihrem Wissen und ihrem Rat zu begleiten.
Mit unserem Autorenpaten-Programm sind wir Partner des innovativen Verlagsprojektes Woobooks. Alle Manukripte, für die bei einem unserer Autorenpaten und -patinnen eine Manuskripteinschätzung gebucht wurde, haben die Chance auf eine Verlagsveröffentlichung.
In unserer Rubrik "Tatort -Schreibtisch: Ausgezeichnet!" präsentieren wir preisgekrönte oder preisnominierte Kurzgeschichten, die den jeweiligen Autoren große Beachtung verschafft haben - zum Nachlesen und zum Mut machen.
Ergänzt wird unsere Seite durch verschiedene Rubriken: zum Beispiel die "Frage der Woche", die "Schreibregel der Woche" oder auch der "Tatort der Woche", in der bekannte Autoren ihren Arbeitsplatz vorstellen.
In der Rubrik Über Tatort-Schreibtisch erklären wir kurz, wie die Webseite funktioniert, in der Rubrik FAQ beantworten wir alle Fragen zu unserem Autorenpaten-Programm.
Viel Spaß beim Lesen!
Ihr
Markus Stromiedel

Markus Stromiedel ist Autor und Drehbuchautor und Initiator von "Tatort-Schreibtisch"
weiterlesen
weniger
Profiautoren als Ratgeber
Es gibt folgende Autorenpaten-Programme:
Was Sie schon immer fragen wollten
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin telefoniert mit Ihnen und gibt Ihnen Antworten auf Ihre Fragen zu Verlagen, zur Buchbranche, zur Kino- und Fernsehlandschaft oder der Theaterwelt.
Einschätzung Ihres Textes / Buches / Drehbuches
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest und analysiert Ihr Manuskript und schreibt für Sie auf, was gelungen ist und wo Ihr Text noch Arbeit braucht. Da Ihr Autorenpate fachlich erfahren und nur Ihnen verpflichtet ist, werden Sie eine sowohl genaue als auch offene Einschätzung bekommen. Auf Wunsch können Sie danach mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Manuskript sprechen und sich Rat einholen, wie Sie Ihren Text verbessern können.
Beratung bei Ihrer Verlags- oder Agenturbewerbung
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest Ihr Exposé und sichtet Ihre Bewerbungsunterlagen und gibt Ihnen anschließend schriftlich eine genaue Rückmeldung, an welchen Punkten Sie noch arbeiten müssen, damit ihre Bewerbung bei einem Verlag oder einer Agentur Erfolgschancen hat. Auf Wunsch können Sie anschließend mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Exposé und die Bewerbung sprechen und Antworten auf Ihre Fragen bekommen.
Individuelles Patenprogramm
Bei einigen der Autorenpaten haben Sie die Möglichkeit, ein individuelles Coaching zu buchen. Hier geht der Autorenpate tiefergehend auf Sie und Ihre Probleme beim Schreiben ein und versucht, Ihnen Wege und Tricks aufzuzeigen, sich und Ihren Stil noch weiter zu verbessern. Auf Wunsch begleitet Ihr Autorenpate Sie während Ihrer Bucharbeit.
FAQ - Häufig gestellte Fragen zum Autorenpaten-Programm
Das Programm und die Preise im Detail
Das sind die Autorenpaten
Manuskript für das Autorenpatenprogramm einreichen
Hilfe durch das Autorenpaten-Programm
Im Autorenpaten-Programm von Tatort-Schreibtisch haben Sie die Möglichkeit, sich für Ihr aktuelles Schreibprojekt eine professionelle Autorin oder einen erfolgreichen Autor als Ratgeber an Ihre Seite zu holen. Das Angebot reicht vom Info-Gespräch über die fachliche Einschätzung Ihres Manuskriptes bis zur Beratung bei Ihrer Verlags- oder Agentur-Bewerbung. Alle Autorenpaten sind erfahrene Schreib-Profis, die ihre Texte erfolgreich in Verlagen veröffentlichen, häufig preisgekrönt sind und z.T. auch als Dozenten lehren. Tatort-Schreibtisch ist Partner von Woobooks.Es gibt folgende Autorenpaten-Programme:
Was Sie schon immer fragen wollten
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin telefoniert mit Ihnen und gibt Ihnen Antworten auf Ihre Fragen zu Verlagen, zur Buchbranche, zur Kino- und Fernsehlandschaft oder der Theaterwelt.
Einschätzung Ihres Textes / Buches / Drehbuches
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest und analysiert Ihr Manuskript und schreibt für Sie auf, was gelungen ist und wo Ihr Text noch Arbeit braucht. Da Ihr Autorenpate fachlich erfahren und nur Ihnen verpflichtet ist, werden Sie eine sowohl genaue als auch offene Einschätzung bekommen. Auf Wunsch können Sie danach mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Manuskript sprechen und sich Rat einholen, wie Sie Ihren Text verbessern können.
Beratung bei Ihrer Verlags- oder Agenturbewerbung
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest Ihr Exposé und sichtet Ihre Bewerbungsunterlagen und gibt Ihnen anschließend schriftlich eine genaue Rückmeldung, an welchen Punkten Sie noch arbeiten müssen, damit ihre Bewerbung bei einem Verlag oder einer Agentur Erfolgschancen hat. Auf Wunsch können Sie anschließend mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Exposé und die Bewerbung sprechen und Antworten auf Ihre Fragen bekommen.
Individuelles Patenprogramm
Bei einigen der Autorenpaten haben Sie die Möglichkeit, ein individuelles Coaching zu buchen. Hier geht der Autorenpate tiefergehend auf Sie und Ihre Probleme beim Schreiben ein und versucht, Ihnen Wege und Tricks aufzuzeigen, sich und Ihren Stil noch weiter zu verbessern. Auf Wunsch begleitet Ihr Autorenpate Sie während Ihrer Bucharbeit.
FAQ - Häufig gestellte Fragen zum Autorenpaten-Programm
Das Programm und die Preise im Detail
Das sind die Autorenpaten
Manuskript für das Autorenpatenprogramm einreichen
weiterlesen
weniger
Autorenpatin der Woche
Gudrun Lerchbaum schöpft die Inspiration für ihre unverwechselbaren Geschichten aus einem ereignisreichen Leben...
Gudrun Lerchbaum
Autorenpatin für ProsaGudrun Lerchbaum schöpft die Inspiration für ihre unverwechselbaren Geschichten aus einem ereignisreichen Leben...
Neben ihren Studien der Philosophie und
Architektur sammelte sie unter anderem Erfahrungen als Fabrikarbeiterin,
Aktmodell, Bürokraft und Designerin. 2007 entdeckte sie die
literarische Arbeit für sich und veröffentlicht seither Kurzgeschichten
und Romane verschiedener Genres. Ihre Arbeiten stehen für Originalität
und hohen sprachlichen Anspruch, belegt durch diverse Nominierungen für
Literaturpreise und Übersetzungen für den englischsprachigen Markt.
Außerdem war sie Mitglied in mehreren Jurys. In Coachings auf Augenhöhe
hilft sie Autoren bei der Suche nach dem individuellen Ausdruck.
Gudrun Lerchbaum ist eine der Paten im Autorenpaten-Programm von Tatort-Schreibtisch.
Bibliographie (Auswahl):
Prosa
Die Venezianerin und der Baumeister, Aufbau
Lügenland, Pendragon
Kurzgeschichten
Blumenpest in: Grenzerfahrungen, Geest-Verlag
Todesengel in: Ran an’n Sarg und mitjeweent, Eulenspiegel Verlag
Die Söhne Palladios in: Eine Reise in die Vergangenheit, Aurora
Faltenwurf i: Literarischer Krimi Kalender 2011, Ars vivendi
Poltern in: Klick – FM4 Wortlaut 13, Luftschacht
Die Liebe und der Tod in: Wenn der Tod lachen könnte, fhl
Die Fuge in: kriminelle Weihnachten auf den Nordseeinseln, Windspiel
Etwas Fremdes, Blumiges in: Grenzlandschaften, Geest-Verlag
Darüber hinaus zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und E-Zines
Auszeichnungen
Walter-Kempowski-Preis der Hamburger Autorenvereinigung, Nominierung
Wortlaut-Wettbewerb des Radiosenders FM4, Nominierung
HOMER-Preis für den besten historischen Roman, Nominierung
Stipendium der Mörderischen Schwestern, 3. Platz
zum Autorenpaten-Programm
Autorenfoto: Stephan Frisch
Gudrun Lerchbaum ist eine der Paten im Autorenpaten-Programm von Tatort-Schreibtisch.
Bibliographie (Auswahl):
Prosa
Die Venezianerin und der Baumeister, Aufbau
Lügenland, Pendragon
Kurzgeschichten
Blumenpest in: Grenzerfahrungen, Geest-Verlag
Todesengel in: Ran an’n Sarg und mitjeweent, Eulenspiegel Verlag
Die Söhne Palladios in: Eine Reise in die Vergangenheit, Aurora
Faltenwurf i: Literarischer Krimi Kalender 2011, Ars vivendi
Poltern in: Klick – FM4 Wortlaut 13, Luftschacht
Die Liebe und der Tod in: Wenn der Tod lachen könnte, fhl
Die Fuge in: kriminelle Weihnachten auf den Nordseeinseln, Windspiel
Etwas Fremdes, Blumiges in: Grenzlandschaften, Geest-Verlag
Darüber hinaus zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und E-Zines
Auszeichnungen
Walter-Kempowski-Preis der Hamburger Autorenvereinigung, Nominierung
Wortlaut-Wettbewerb des Radiosenders FM4, Nominierung
HOMER-Preis für den besten historischen Roman, Nominierung
Stipendium der Mörderischen Schwestern, 3. Platz
zum Autorenpaten-Programm
Autorenfoto: Stephan Frisch
weiterlesen
Tatort der Woche
Ein gediegener, alter Schreibtisch, an dem schon mehrere Generationen sich wohlgefühlt haben. Hinter Glas all die vielen Bücher, in denen meine Texte im Laufe der letzten zwanzig Jahre erschienen sind. Die Vergangenheit...
Groß, gemütlich, gediegen
von Ralf KrampEin gediegener, alter Schreibtisch, an dem schon mehrere Generationen sich wohlgefühlt haben. Hinter Glas all die vielen Bücher, in denen meine Texte im Laufe der letzten zwanzig Jahre erschienen sind. Die Vergangenheit...
streckt also immer auch ihre langen, dünnen Finger in die Gegenwart
hinein. In meinen Texten ist es auch so. Da gibt es immer Dinge, die
verschüttet waren, von denen aber doch noch ein kleines Eckchen aus dem
Boden lugt. Dann stolpert einer, und schon gerät alles in Unordnung. Und
mit Unordnung wären wir wieder beim Schreibtisch: schön groß und gemütlich und
geräumig, Platz für jede Menge Ungeordnetes. So brauche ich das.
Mehr Informationen über das Buch "Hört mir jemand zu"
E-Book ohne Anmeldung kaufen
gedrucktes Buch kaufen
Mehr Informationen über das Buch "Hört mir jemand zu"
Buch kostenlos lesen
E-Book ohne Anmeldung kaufen
gedrucktes Buch kaufen
weiterlesen
Die Frage der Woche

Franz Kafka, um mit einem ganz berühmten Beispiel zu beginnen, erzählt nahezu ausschließlich aus Sicht einer einzigen Person in der jeweiligen Geschichte. Nehmen Sie etwa seinen Roman Der Prozess: Erzählt wird in der dritten Person, jedoch in strenger Anbindung an K., seiner Hauptfigur. Allein dessen Erleben bestimmt das, was wir Leser über die Geschichte erfahren. Damit sind wir dem unverständlichen Apparat genauso hilflos ausgeliefert wie K. selbst. Figur und Geschichte, beides kommt uns sehr nah, und wir können gar nicht anders, wir müssen uns mit K. identifizieren.
Ähnlich ausgeprägte Anbindungen an eine einzige Figur in der Geschichte findet man bei Ich-Erzählungen, denn naturgemäß kann so ein Ich-Erzähler nur von seinem Kenntnisstand aus und aus seiner Sicht heraus berichten. Naheliegend, dass viele Ich-Erzähler ihre eigene Geschichte erzählen, also zugleich die Hauptfigur sind: Thomas Manns Felix Krull schreibt in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seine eigenen Memoiren, während Nell Zinks Tiffany in The Wallcreeper (deutsch: Der Mauerläufer) ganz ohne einen solchen Schreib-Vorwand aus ihrer Sicht ihre Geschichte erzählt.
Eine scheinbar eindeutige Antwort auf die Frage, wessen Geschichte von wem erzählt wird, ist der Anfang von Hermann Melvilles Moby Dick: „Nennt mich Ismael“, lautet der erste Satz des Romans. Allerdings ist Ismael, der Ich-Erzähler, hier nicht die Hauptfigur, sondern ein Zeuge oder Betroffener der Geschichte. Deren Verlauf jedoch bestimmt Kapitän Ahab mit seiner Gier, sich am weißen Wal Moby Dick zu rächen. Diese Aufteilung „Hauptfigur dort, Ich-Erzähler hier“ kennen Krimifans natürlich bestens – nämlich von Sir Arthur Conan Doyles fiktionalem Duo Sherlock Holmes (Hauptfigur) und Dr. Watson (Ich-Erzähler). Dennoch bleiben auch diese Varianten monoperspektivisch, denn alles, was erzählt wird, entspricht nur dem Blickwinkel des jeweiligen Erzählers, der über die inneren Motive der Hauptfigur (und aller anderen Figuren) genau wie der Leser nur spekulieren kann.
Die Möglichkeit, eine Geschichte aus Sicht verschiedener Figuren zu erzählen – also multiperspektivisch, aus verschiedenen Erzählperspektiven – und dabei die Weltsichten der Figuren unmittelbar aufeinander prallen zu lassen, dürfte mit zu den zentralen Bausteinen des Schreibhandwerks gehören, der einen Text aus Autoren- wie Lesersicht reizvoll macht.
Manches lässt sich nur multiperspektivisch erzählen: etwa wie unterschiedlich wir alle die Welt wahrnehmen und wie oft uns nicht mal in den Sinn kommt, dass andere die Sache anders sehen könnten. Im realen Leben mag das häufig zu unangenehmen Missverständnissen führen. In der Literatur kann das zum Quell für Komik und Ironie, aber auch tiefere Erkenntnis werden. Die Geschichte von Ratte, dem Junkie mit Helfersyndrom, und der verdeckten Ermittlerin Charlie mitsamt ihren manischen Zügen hätte ich jedenfalls nie aus nur einer Sicht erzählen können. Denn in meinem Roman Rattes Gift geht es darum, dass die beiden die brenzlige Situation, in der sie stecken, nur überleben können, wenn sie zusammenarbeiten – und dafür müssen sie lernen, wie der andere die Welt sieht. Okay, und kapieren, dass sie sich verliebt haben, müssen sie auch. Denn Liebe ist ja ebenfalls etwas, das aus Sicht jedes Beteiligten sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann ... Kurzum: Ein Roman, in dem es um gegenseitiges Sehen geht und in dem die Beziehung zwischen den Figuren essentiell ist, lässt sich oft im Wechsel der entsprechenden Figurenperspektiven am besten erzählen.
Kleiner Tipp am Rande: Wenn man nicht sicher ist, ob einem das multiperspektivische Erzählen liegt, kann man es ja einfach mal für ein, zwei Kapitel ausprobieren. Und dann kann man auch gleich testen, ob man seine Figurenperspektiven lieber in der dritten Person gestalten möchte oder ob es zwei Ich-Erzähler sein müssen. In meinem Debüt, der Kriminalnovelle Der Tod ist ein langer, trüber Fluss, war das die Lösung. Nur, indem ich Ophelia, die Frau ohne Gedächtnis, die die Toten hört, und ihren toten 'Begleiter' Raffael als Ich-Erzähler auftreten lasse, kann ich dem Leser die Freiheit lassen, wie er diese nun, sagen wir, nicht ganz alltägliche Situation deutet. Wenn ein „ich“ spricht, geht es um die Erfahrungen und Ansichten eines Individuums, um etwas radikal Subjektives. Der Autor tritt still und leise hinter den Ansichten und Wahrnehmungen der Figur zurück, und der Leser ist gefordert, sich selbst seinen Reim darauf zu machen.
Die Möglichkeit, einerseits aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen und mit dem darin enthaltenen Potenzial für komische, tragische, ironische und andere Missverständnisse zu spielen, und andererseits komplett hinter seinen Geschöpfen zurückzutreten und obendrein dem Ganzen auch noch den Anstrich von Authentizität, ja 'Realität' zu geben, dürfte der Grund sein, warum das multiperspektivische Erzählen im ausgehenden 18.Jahrhundert mit einer ganz besonderen Gattung begann – nämlich als Briefroman.
Der Briefroman hat den Vorteil, dass sich auf der einen Seite das Material des Romans gewissermaßen selbst erklärt – zwei oder mehr Menschen schreiben einander Briefe und schildern darin ihr Erleben mit ihrer hoffentlich jeweils individuellen Sprache und aus ihrem ganz eigenen, jeweils begrenzten Blickwinkel. Auf der anderen Seite lässt das Raum für allerlei Verwechslungen (insbesondere, wenn Briefe verlorengehen), und haben wir es mit mehr als zwei Briefschreibern zu tun, lassen sich allein dadurch, wer wem was wie sagt oder eben auch verschweigt, ganz hervorragend Intrigen und andere fiese Machenschaften darstellen – siehe etwa Choderlos de Laclos Liasions dangereux (deutsch: Gefährliche Liebschaften - wobei ich hier natürlich das Buch und nicht die eine oder andere Verfilmung meine). Außerdem zeichnet sich der Briefroman durch besonders große Unmittelbarkeit aus, wie man etwa an der teils schon hysterischen, teils sogar tödlichen Begeisterung von Goethes Zeitgenossen für dessen Briefroman Die Leiden des jungen Werther sehen kann. Vermutlich hat das Gefühl, als Leser direkt dabei zu sein, dem Briefschreiber sozusagen über die Schulter zu spähen, auch dem Erfolg von Daniel Glattauers Gut gegen Nordwind nicht geschadet.
Grundvoraussetzung für einen gelungenen Briefroman, ob nun altmodisch auf Papier, als E-Mail-Variante oder Whatsapp-Gruppe der literarischen Art konzipiert ist, dass jede, aber auch jede schreibende Figur eine eigene Sprache und einen eigenen Blickwinkel hat. Das heißt, gerade beim multiperspektivischen Roman ist es essentiell, dass ich als Autor ganz genau weiß, welche Figur was wann weiß und wer welcher falschen Fährte wann folgt.
Das gilt unabhängig davon, ob ich meinem Leser gegenüber mit dem Rahmen eines Briefromans die Situation, in der meine jeweiligen Ich-Erzähler schreiben, ganz klar vor Augen führe oder meine Ich-Erzähler ohne solches 'Stützwerk' abwechselnd berichten lasse. In seinem furiosen Du bist zu schnell lässt Zoran Drvenkar die verschiedenen Sichtweisen von Theo, Marek und vor allem der psychotischen Val unmittelbar aufeinanderkrachen. Was Realität, was Psychose, was Drogen geschuldet ist oder einfach nur eine Fehlinterpretation aufgrund fehlenden Wissens ist, gleich auf drei verschiedene Achterbahnen wird der Leser hier im Wechsel gesetzt - die natürlich am Ende ein Ganzes ergeben.
Drvenkar überschreibt seine Kapitel noch mit dem Namen des jeweiligen Ich-Erzählers. Bei meinem Roman Stimmengewirr, das den Leser ins Innenleben einer Multiplen Persönlichkeit mitnimmt, schien mir das weder passend noch nötig. So, wie die einzelnen Persönlichkeiten sich immer wieder nach den Zeitlücken, die durch das Switchen untereinander entstehen, orientieren müssen, lernt auch der Leser, meine sieben Ich-Erzähler immer schneller und leichter zu unterscheiden. Allerdings hat diesen Effekt zu erzeugen mich eine Menge Zeit und Arbeit gekostet. Ich musste dafür in die Entwicklung jeder einzelnen Figur, die auch als Ich-Erzähler auftritt, noch mehr Zeit stecken als sonst - und ich habe das fertige Manuskript gleich zwei Mal komplett zerlegt, um mir die Geschichte aus den jeweiligen Einzel-Ich-Ansichten noch einmal anzuschauen und gründlich zu überarbeiten: War die Geschichte jedes Ich-Erzählers in sich stimmig? Blieb jeder während seines Berichts in seinem jeweiligen Wissensstand und, vor allem, in seiner ganz eigenen, individuellen Sicht- und Sprechweise? Kein Wunder, dass bei dem Buch über zehn Jahre zwischen dem ersten Satz und dem Erscheinen lagen ...
Nun könnte man meinen, wenn man multiperspektivisch in der dritten Person schreibt, gäbe es keine Orientierungsprobleme, weil man dann einfach jeden personalen Erzähler, jede Perspektivfigur beim Namen nennen kann. Und außerdem, so könnte man weiterdenken, sei man damit einer Schwierigkeit enthoben, die bei Texten aus Sicht nur einer einzigen Figur auftreten: dass diese nicht immer alles wissen kann, was wir als Autoren gerade meinen, unseren Lesern erzählen zu müssen. Wer hier nicht weiter nachdenkt, tappt schnell in eine Falle, die gute Ideen zu schlechten Büchern machen kann.
Wenn ich mir Standard-Thriller und -Krimis anschaue, habe ich oft den Eindruck, die Autoren wollen es sich einerseits leicht und andererseits ihr Buch besonders spannend machen, indem sie nach Gusto zwischen Ermittlerteam, Opfern, Zeugen, falschen Verdächtigen und gern auch dem (anonymisierten) Täter hin und her springen. Wenn es gut gemacht ist, kann das die Leser mitnehmen. Aber das funktioniert nur dann, wenn der Autor nicht nur seine Geschichte, sondern vor allem seine Figuren ganz besonders gut kennt und sich sicher im Plot bewegt. Denn damit ich als Leser mitfiebern kann, muss ich nicht nur orientiert bleiben zwischen all den Figurenperspektiven, es müssen mich auch idealerweise alle Figuren emotional berühren. Und dafür muss sich der Autor die Mühe machen, sich auf alle Figuren, aus deren Sicht er erzählen will, auch wirklich einzulassen. Sonst bleibt das Ganze eine oberflächliche Scharade, ein bisschen wie Kasperletheater für Erwachsene, bei denen der Leser immer mal wieder das Krokodil kommen sieht oder den Polizisten, bevor das Sepperl oder die Gretel das auch nur ahnen.
Aber wenn sich jemand die Mühe macht, aus all den einzelnen Figurenperspektiven ein Ganzes (also eine Perspektivstruktur) zu entwickeln, dann können multiperspektivische Erzählungen auch und erst recht in der dritten Person nicht nur Bestseller werden (wie die Thriller von Sebastian Fitzek oder Dan Brown), sondern hohe Kunst sein. Achten Sie einfach mal bei den nächsten Büchern, die Sie lesen, darauf, wer die Hauptfigur ist und aus wessen Sicht erzählt wird – und eben darauf, ob es sich um mono- oder multiperspektivisches Erzählen handelt.
Und weil man am besten von den Besten lernt, zum guten Schluss hier noch zwei Buchtipps:
The Taking of Pelham One Two Three (1973), der Thriller um die Entführung einer New Yorker U-Bahn, den Morton Freedgood unter dem Pseudonym John Godey veröffentlichte, kennen die meisten vermutlich aus einer der verschiedenen Verfilmung. Der an sich schon spannenden Geschichte fügt der Roman (deutsche Übersetzung: Abfahrt Pelham 1 Uhr 23) über die Perspektivstruktur noch ein weiteres Element hinzu: Als Leser kennen wir nur die Alias-Namen der Täter im Zug, wir wissen nicht, wie sie aussehen. Obwohl wir erleben, dass sie da sind, und erfahren, was sie vorhaben, wissen wir nicht, wer wer ist. Das heißt, hier gelingt es über den Mix aus Figurenperspektiven den Leser einerseits tief in die Gedanken und Pläne der (Täter-) Figuren blicken zu lassen und ihnen doch so ausgeliefert zu sein wie die Geiseln bzw. ein den Ermittlern ähnliches Problem bei deren Identifizierung zu haben.
Wer es literarischer mag, dem sei Virginia Woolfs Roman The Waves (deutsch: Die Wellen) aus dem Jahr 1931 empfohlen. Mithilfe der Gedankenströme von sechs Figuren, allesamt Freunde, wird nicht nur das Wesen dieser sechs Individuen und ihrer Freundschaft erkundet, es wird zugleich die Geschichte eines abwesenden siebten, der selbst nie zum aktiven Sprecher wird, erzählt. Ein meisterhaftes und poetisches Verfahren.
Haben Sie Vergnügen beim Lesen! Von dem Sie sich zu eigenen Experimenten inspirieren lassen sollten. Denn, Sie wissen ja: Schreiben lernt man nur durchs Schreiben ...
Was bedeutet „multiperspektivisches Erzählen“?
von Mischa Bach

Bevor wir uns diese Frage widmen können, müssen wir erst eimal
definieren, was Perspektive in Bezug auf eine Erzählung meint. Eine
Geschichte zu erzählen (oder zu schreiben), bedeutet immer, dies aus
einem bestimmten Blickwinkel, einer bestimmbaren Perspektive heraus zu
tun. Dabei geht es nicht darum, von welchem Standpunkt man sich als
Autor der Sache nähert (selbst ein allwissender oder auktorialer
Erzähler, über den wir an anderer Stelle noch zu reden haben werden, ist
nicht einfach ein Abbild des realen Autors im Text). Es geht um die
Perspektiven der Erzählung selbst: Wessen Geschichte ist es und wer
erzählt sie – das ist die Frage, die man sich vor dem Schreiben stellen
und beantworten muss.
Franz Kafka, um mit einem ganz berühmten Beispiel zu beginnen, erzählt nahezu ausschließlich aus Sicht einer einzigen Person in der jeweiligen Geschichte. Nehmen Sie etwa seinen Roman Der Prozess: Erzählt wird in der dritten Person, jedoch in strenger Anbindung an K., seiner Hauptfigur. Allein dessen Erleben bestimmt das, was wir Leser über die Geschichte erfahren. Damit sind wir dem unverständlichen Apparat genauso hilflos ausgeliefert wie K. selbst. Figur und Geschichte, beides kommt uns sehr nah, und wir können gar nicht anders, wir müssen uns mit K. identifizieren.
Ähnlich ausgeprägte Anbindungen an eine einzige Figur in der Geschichte findet man bei Ich-Erzählungen, denn naturgemäß kann so ein Ich-Erzähler nur von seinem Kenntnisstand aus und aus seiner Sicht heraus berichten. Naheliegend, dass viele Ich-Erzähler ihre eigene Geschichte erzählen, also zugleich die Hauptfigur sind: Thomas Manns Felix Krull schreibt in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seine eigenen Memoiren, während Nell Zinks Tiffany in The Wallcreeper (deutsch: Der Mauerläufer) ganz ohne einen solchen Schreib-Vorwand aus ihrer Sicht ihre Geschichte erzählt.
Eine scheinbar eindeutige Antwort auf die Frage, wessen Geschichte von wem erzählt wird, ist der Anfang von Hermann Melvilles Moby Dick: „Nennt mich Ismael“, lautet der erste Satz des Romans. Allerdings ist Ismael, der Ich-Erzähler, hier nicht die Hauptfigur, sondern ein Zeuge oder Betroffener der Geschichte. Deren Verlauf jedoch bestimmt Kapitän Ahab mit seiner Gier, sich am weißen Wal Moby Dick zu rächen. Diese Aufteilung „Hauptfigur dort, Ich-Erzähler hier“ kennen Krimifans natürlich bestens – nämlich von Sir Arthur Conan Doyles fiktionalem Duo Sherlock Holmes (Hauptfigur) und Dr. Watson (Ich-Erzähler). Dennoch bleiben auch diese Varianten monoperspektivisch, denn alles, was erzählt wird, entspricht nur dem Blickwinkel des jeweiligen Erzählers, der über die inneren Motive der Hauptfigur (und aller anderen Figuren) genau wie der Leser nur spekulieren kann.
Die Möglichkeit, eine Geschichte aus Sicht verschiedener Figuren zu erzählen – also multiperspektivisch, aus verschiedenen Erzählperspektiven – und dabei die Weltsichten der Figuren unmittelbar aufeinander prallen zu lassen, dürfte mit zu den zentralen Bausteinen des Schreibhandwerks gehören, der einen Text aus Autoren- wie Lesersicht reizvoll macht.
Manches lässt sich nur multiperspektivisch erzählen: etwa wie unterschiedlich wir alle die Welt wahrnehmen und wie oft uns nicht mal in den Sinn kommt, dass andere die Sache anders sehen könnten. Im realen Leben mag das häufig zu unangenehmen Missverständnissen führen. In der Literatur kann das zum Quell für Komik und Ironie, aber auch tiefere Erkenntnis werden. Die Geschichte von Ratte, dem Junkie mit Helfersyndrom, und der verdeckten Ermittlerin Charlie mitsamt ihren manischen Zügen hätte ich jedenfalls nie aus nur einer Sicht erzählen können. Denn in meinem Roman Rattes Gift geht es darum, dass die beiden die brenzlige Situation, in der sie stecken, nur überleben können, wenn sie zusammenarbeiten – und dafür müssen sie lernen, wie der andere die Welt sieht. Okay, und kapieren, dass sie sich verliebt haben, müssen sie auch. Denn Liebe ist ja ebenfalls etwas, das aus Sicht jedes Beteiligten sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann ... Kurzum: Ein Roman, in dem es um gegenseitiges Sehen geht und in dem die Beziehung zwischen den Figuren essentiell ist, lässt sich oft im Wechsel der entsprechenden Figurenperspektiven am besten erzählen.
Kleiner Tipp am Rande: Wenn man nicht sicher ist, ob einem das multiperspektivische Erzählen liegt, kann man es ja einfach mal für ein, zwei Kapitel ausprobieren. Und dann kann man auch gleich testen, ob man seine Figurenperspektiven lieber in der dritten Person gestalten möchte oder ob es zwei Ich-Erzähler sein müssen. In meinem Debüt, der Kriminalnovelle Der Tod ist ein langer, trüber Fluss, war das die Lösung. Nur, indem ich Ophelia, die Frau ohne Gedächtnis, die die Toten hört, und ihren toten 'Begleiter' Raffael als Ich-Erzähler auftreten lasse, kann ich dem Leser die Freiheit lassen, wie er diese nun, sagen wir, nicht ganz alltägliche Situation deutet. Wenn ein „ich“ spricht, geht es um die Erfahrungen und Ansichten eines Individuums, um etwas radikal Subjektives. Der Autor tritt still und leise hinter den Ansichten und Wahrnehmungen der Figur zurück, und der Leser ist gefordert, sich selbst seinen Reim darauf zu machen.
Die Möglichkeit, einerseits aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen und mit dem darin enthaltenen Potenzial für komische, tragische, ironische und andere Missverständnisse zu spielen, und andererseits komplett hinter seinen Geschöpfen zurückzutreten und obendrein dem Ganzen auch noch den Anstrich von Authentizität, ja 'Realität' zu geben, dürfte der Grund sein, warum das multiperspektivische Erzählen im ausgehenden 18.Jahrhundert mit einer ganz besonderen Gattung begann – nämlich als Briefroman.
Der Briefroman hat den Vorteil, dass sich auf der einen Seite das Material des Romans gewissermaßen selbst erklärt – zwei oder mehr Menschen schreiben einander Briefe und schildern darin ihr Erleben mit ihrer hoffentlich jeweils individuellen Sprache und aus ihrem ganz eigenen, jeweils begrenzten Blickwinkel. Auf der anderen Seite lässt das Raum für allerlei Verwechslungen (insbesondere, wenn Briefe verlorengehen), und haben wir es mit mehr als zwei Briefschreibern zu tun, lassen sich allein dadurch, wer wem was wie sagt oder eben auch verschweigt, ganz hervorragend Intrigen und andere fiese Machenschaften darstellen – siehe etwa Choderlos de Laclos Liasions dangereux (deutsch: Gefährliche Liebschaften - wobei ich hier natürlich das Buch und nicht die eine oder andere Verfilmung meine). Außerdem zeichnet sich der Briefroman durch besonders große Unmittelbarkeit aus, wie man etwa an der teils schon hysterischen, teils sogar tödlichen Begeisterung von Goethes Zeitgenossen für dessen Briefroman Die Leiden des jungen Werther sehen kann. Vermutlich hat das Gefühl, als Leser direkt dabei zu sein, dem Briefschreiber sozusagen über die Schulter zu spähen, auch dem Erfolg von Daniel Glattauers Gut gegen Nordwind nicht geschadet.
Grundvoraussetzung für einen gelungenen Briefroman, ob nun altmodisch auf Papier, als E-Mail-Variante oder Whatsapp-Gruppe der literarischen Art konzipiert ist, dass jede, aber auch jede schreibende Figur eine eigene Sprache und einen eigenen Blickwinkel hat. Das heißt, gerade beim multiperspektivischen Roman ist es essentiell, dass ich als Autor ganz genau weiß, welche Figur was wann weiß und wer welcher falschen Fährte wann folgt.
Das gilt unabhängig davon, ob ich meinem Leser gegenüber mit dem Rahmen eines Briefromans die Situation, in der meine jeweiligen Ich-Erzähler schreiben, ganz klar vor Augen führe oder meine Ich-Erzähler ohne solches 'Stützwerk' abwechselnd berichten lasse. In seinem furiosen Du bist zu schnell lässt Zoran Drvenkar die verschiedenen Sichtweisen von Theo, Marek und vor allem der psychotischen Val unmittelbar aufeinanderkrachen. Was Realität, was Psychose, was Drogen geschuldet ist oder einfach nur eine Fehlinterpretation aufgrund fehlenden Wissens ist, gleich auf drei verschiedene Achterbahnen wird der Leser hier im Wechsel gesetzt - die natürlich am Ende ein Ganzes ergeben.
Drvenkar überschreibt seine Kapitel noch mit dem Namen des jeweiligen Ich-Erzählers. Bei meinem Roman Stimmengewirr, das den Leser ins Innenleben einer Multiplen Persönlichkeit mitnimmt, schien mir das weder passend noch nötig. So, wie die einzelnen Persönlichkeiten sich immer wieder nach den Zeitlücken, die durch das Switchen untereinander entstehen, orientieren müssen, lernt auch der Leser, meine sieben Ich-Erzähler immer schneller und leichter zu unterscheiden. Allerdings hat diesen Effekt zu erzeugen mich eine Menge Zeit und Arbeit gekostet. Ich musste dafür in die Entwicklung jeder einzelnen Figur, die auch als Ich-Erzähler auftritt, noch mehr Zeit stecken als sonst - und ich habe das fertige Manuskript gleich zwei Mal komplett zerlegt, um mir die Geschichte aus den jeweiligen Einzel-Ich-Ansichten noch einmal anzuschauen und gründlich zu überarbeiten: War die Geschichte jedes Ich-Erzählers in sich stimmig? Blieb jeder während seines Berichts in seinem jeweiligen Wissensstand und, vor allem, in seiner ganz eigenen, individuellen Sicht- und Sprechweise? Kein Wunder, dass bei dem Buch über zehn Jahre zwischen dem ersten Satz und dem Erscheinen lagen ...
Nun könnte man meinen, wenn man multiperspektivisch in der dritten Person schreibt, gäbe es keine Orientierungsprobleme, weil man dann einfach jeden personalen Erzähler, jede Perspektivfigur beim Namen nennen kann. Und außerdem, so könnte man weiterdenken, sei man damit einer Schwierigkeit enthoben, die bei Texten aus Sicht nur einer einzigen Figur auftreten: dass diese nicht immer alles wissen kann, was wir als Autoren gerade meinen, unseren Lesern erzählen zu müssen. Wer hier nicht weiter nachdenkt, tappt schnell in eine Falle, die gute Ideen zu schlechten Büchern machen kann.
Wenn ich mir Standard-Thriller und -Krimis anschaue, habe ich oft den Eindruck, die Autoren wollen es sich einerseits leicht und andererseits ihr Buch besonders spannend machen, indem sie nach Gusto zwischen Ermittlerteam, Opfern, Zeugen, falschen Verdächtigen und gern auch dem (anonymisierten) Täter hin und her springen. Wenn es gut gemacht ist, kann das die Leser mitnehmen. Aber das funktioniert nur dann, wenn der Autor nicht nur seine Geschichte, sondern vor allem seine Figuren ganz besonders gut kennt und sich sicher im Plot bewegt. Denn damit ich als Leser mitfiebern kann, muss ich nicht nur orientiert bleiben zwischen all den Figurenperspektiven, es müssen mich auch idealerweise alle Figuren emotional berühren. Und dafür muss sich der Autor die Mühe machen, sich auf alle Figuren, aus deren Sicht er erzählen will, auch wirklich einzulassen. Sonst bleibt das Ganze eine oberflächliche Scharade, ein bisschen wie Kasperletheater für Erwachsene, bei denen der Leser immer mal wieder das Krokodil kommen sieht oder den Polizisten, bevor das Sepperl oder die Gretel das auch nur ahnen.
Aber wenn sich jemand die Mühe macht, aus all den einzelnen Figurenperspektiven ein Ganzes (also eine Perspektivstruktur) zu entwickeln, dann können multiperspektivische Erzählungen auch und erst recht in der dritten Person nicht nur Bestseller werden (wie die Thriller von Sebastian Fitzek oder Dan Brown), sondern hohe Kunst sein. Achten Sie einfach mal bei den nächsten Büchern, die Sie lesen, darauf, wer die Hauptfigur ist und aus wessen Sicht erzählt wird – und eben darauf, ob es sich um mono- oder multiperspektivisches Erzählen handelt.
Und weil man am besten von den Besten lernt, zum guten Schluss hier noch zwei Buchtipps:
The Taking of Pelham One Two Three (1973), der Thriller um die Entführung einer New Yorker U-Bahn, den Morton Freedgood unter dem Pseudonym John Godey veröffentlichte, kennen die meisten vermutlich aus einer der verschiedenen Verfilmung. Der an sich schon spannenden Geschichte fügt der Roman (deutsche Übersetzung: Abfahrt Pelham 1 Uhr 23) über die Perspektivstruktur noch ein weiteres Element hinzu: Als Leser kennen wir nur die Alias-Namen der Täter im Zug, wir wissen nicht, wie sie aussehen. Obwohl wir erleben, dass sie da sind, und erfahren, was sie vorhaben, wissen wir nicht, wer wer ist. Das heißt, hier gelingt es über den Mix aus Figurenperspektiven den Leser einerseits tief in die Gedanken und Pläne der (Täter-) Figuren blicken zu lassen und ihnen doch so ausgeliefert zu sein wie die Geiseln bzw. ein den Ermittlern ähnliches Problem bei deren Identifizierung zu haben.
Wer es literarischer mag, dem sei Virginia Woolfs Roman The Waves (deutsch: Die Wellen) aus dem Jahr 1931 empfohlen. Mithilfe der Gedankenströme von sechs Figuren, allesamt Freunde, wird nicht nur das Wesen dieser sechs Individuen und ihrer Freundschaft erkundet, es wird zugleich die Geschichte eines abwesenden siebten, der selbst nie zum aktiven Sprecher wird, erzählt. Ein meisterhaftes und poetisches Verfahren.
Haben Sie Vergnügen beim Lesen! Von dem Sie sich zu eigenen Experimenten inspirieren lassen sollten. Denn, Sie wissen ja: Schreiben lernt man nur durchs Schreiben ...
Mischa Bach alias Dr. Michaela Bach ist nicht nur Autorin und Drehbuchautorin, sondern auch Dramatikerin, Übersetzerin und Sachbuchautorin. Ihre einfühlsamen und präzisen Texte wurden mit dem Martha-Saalfeld-Preis ausgezeichnet und für den Glauser-Preis nominiert. Die promovierte Filmwissenschaftlerin arbeitet außerdem als Dozentin und als Lektorin, unterrichtet Literaturwissenschaft an der Universität Essen und gibt immer wieder Schreibkurse für werdende Autoren.
weiterlesen
Tatort-Schreibtisch-Buch der Woche
Jan Schröter: "Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte..."
Tom Schröder will Autor werden! Ein berühmter Autor, das klappt garantiert, ist Tom sich sicher. Dass der Weg zum Erfolg ihn auf jede Menge Abwege führt, macht die Sache kompliziert...
Egal, ob als Blumenverkäufer auf dem Hamburger Isemarkt oder in den
Dünen mit Doro, zwischen Textilschmugglerinnen in Südamerika oder auf
Drehbuch-Recherche in Australien, Toms schräger Charme schlägt noch in
verlorensten Lebenslagen durch - bis ihn Romane und Drehbücher fast das
Leben kosten ...
Ein augenzwinkernder autobiographischer Roman, der einen tiefen Einblick in das Leben eines Autors bietet.
»Jan Schröter ist ein Spezialist für existentielle Fragen in lockerem Unterhaltungston, und er beantwortet sie mit einem sehr feinen, leisen Humor.« - BRIGITTE
Jan Schröters autobiographischer Schelmenroman - garantiert wahr!
ISBN 9783946312147
Paperback, 320 Seiten
Print-Ausgabe: 16 € (A: 16,50 €)
E-Book: 12,99 €
Hörbuch: 9,99 €
[[reader-link]]
E-Book ohne Anmeldung kaufen
Hörbuch ohne Anmeldung kaufen
gedrucktes Buch kaufen

Jan Schröter kennt die Höhen und die Tiefen des Autorendaseins schmerzlich genau. Er arbeitete als Journalist und Kolumnist, schrieb Reiseführer und Kurzgeschichten, massierte die Herzen der Zuschauer mit seinen Drehbüchern für den ZDF-Kultdampfer „Das Traumschiff“ und war jahrelang Stammautor der ARD-Serie „Großstadtrevier“. Bekannt geworden ist er durch seine absurd-komischen Krimis und Romane, in denen er augenzwinkernd und nicht ohne Mitgefühl seine Figuren ins Chaos stürzt.
Autorenportrait von Jan Schröter
LESERPROBE
Schreiben kann das Leben kosten.
Manchmal genügt schon eine Literaturverfilmung, um sich buchstäblich um Kopf und Kragen zu bringen, ganz zu schweigen vom Rest des Leibes. Ausgesprochen ärgerlich, wenn man erst 18 Jahre alt ist und demnach nicht nach langem, erfülltem Dasein stirbt. Nicht mal ansatzweise auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Eher im Gegenteil.
Im Spätsommer 1977 begann das sinnloseste Schuljahr meines Lebens. Beinahe wäre es mein letztes Jahr überhaupt gewesen. Fast hätte mich mein Deutschlehrer umgebracht.
Aber der Reihe nach.
Ich war 18, trug seit dem letzten Sommerurlaub in Frankreich Vollbart und Baskenmütze und schleppte meist eine knallgelbe Reiseschreibmaschine mit mir herum, deren Buchstabentypen sich dramatisch oft zu bizarren Bündeln verklemmten, wenn ich im dilettantischen Zwei-Finger-System darauf herumhackte. Die Maschine war ein Weihnachtsgeschenk meiner Eltern, ausgewählt vermutlich in der sonnigen Hoffnung, sie würde mich bei den Schularbeiten beflügeln. Stattdessen benutzte ich sie ausschließlich, um damit im Fokus der Öffentlichkeit – Café, Einkaufszentrum, Pausenhalle, Oberstufenraum – herumzusitzen und allein schon durch meinen bloßen Anblick Aufmerksamkeit zu erregen. Ich sah aus wie ein Abziehbild von Hemingway.
Meist schrieb ich vermeintlich tiefsinnige Aphorismen oder anderes krudes Zeug. Es musste einfach genial sein, weil die Inszenierung stimmte. Kleine Jungs kaufen sich ein Trikot ihres Fußballidols und fühlen sich darin wie ein Weltmeister. Mit Baskenmütze, Vollbart und Reiseschreibmaschine ging es mir sogar als Achtzehnjähriger noch vergleichbar. Ich fühlte mich dem Literaturnobelpreis ganz nah. Hatte ich nicht alles, was ein zukünftiger Starautor benötigte? Mein erster Roman würde einschlagen wie eine Bombe.
Allerdings gab es ein Problem. Mir fiel partout keine Romangeschichte ein – trotz Vollbart, Baskenmütze und Schreibmaschine. Das fand ich ziemlich gemein, leider gab es niemanden, der diesbezüglich Beschwerden annahm. Ich hätte es ohnehin nie zugegeben, dass mir nichts einfiel. Immerhin schrieb ich gutbenotete Schulaufsätze in Serie, da konnte so ein popeliger Bestsellerroman doch keine Hürde sein, also wirklich! Ich gab unverdrossen weiterhin Hemingways Abziehbild, bis mich irgendwann Bert Wagner, mein Deutschlehrer, ansprach: Es gäbe ein paar Leute, die eine Schülerzeitung gründen wollten – ob ich vielleicht …?
Bert Wagner, mein Deutschlehrer, würde mich wenig später um ein Haar umbringen, aber das ahnten wir in diesem Moment nicht.
Also Schülerzeitung, warum nicht. Das schien mir ein Anfang zu sein. Nicht annähernd so schwierig wie sich selbst einzureden, die Realisierung des großen Romans scheitere bloß an den andauernd verklemmten Buchstabentypen meiner gelben Reiseschreibmaschine. Vielleicht, dachte ich, gäbe mir die Schule so etwas von diesem verlorenen Jahr zurück, das ich gerade erlitt.
Bis in die gymnasiale Oberstufe hatte ich mich durchgewurstelt. Deutsch, Geschichte, Politik, da setzte ich meine Glanzlichter. Es war der Ausgleich für die ungeliebten Naturwissenschaften, zwei Fünfen im Zeugnis, in Mathe und Physik, ließen sich auf diese Weise straflos kompensieren. Mehr als einmal kreiste das Abstiegsgespenst über mir, aber ich kriegte es jedes Mal hin, auch nach prekärsten Halbjahreszeugnissen (»Eine Versetzung scheint zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen«) im energischen Schlussspurt zwischen Ostern und Sommerferien noch das Klassenziel zu erreichen (»Tom wird versetzt nach Klasse …«). Dann, nach dem ersten Jahr Oberstufe, erwischte es mich zusätzlich im Fach Chemie. Drei Fünfen ließen sich nicht ausgleichen, das war Gesetz.
Für mich hieß es: Ehrenrunde, zurück auf Los. Legionen frustrierter Mathematiklehrer müssen sich die Hände gerieben haben.
Und während meine sämtlichen Freunde, meine langjährige On/Off-Beziehung Martina und praktisch jeder mir vertraute Schulgefährte nach der Abiturprüfung ins Leben hinaus flatterte und hinter dem Horizont verschwand, trat ich nach den Sommerferien 1977 mein letztes Schuljahr am Gymnasium Müssenredder in Hamburg-Poppenbüttel an. Das sinnloseste Schuljahr meines Lebens, wie gesagt. In Chemie hatte ich mich wieder auf eine Vier gewürgt, ansonsten blieb alles beim Alten: Mathe Fünf, Physik Fünf. Deutsch, Geschichte, Politik die reine Wonne. In letzteren Fächern war ich schon vorher gut, für Mathe und Physik blieb ich verloren. Wozu also das Jahr nachsitzen? Obwohl mir noch jeder Zukunftsplan fehlte: Ich würde niemals im späteren Leben einen naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen, das wusste ich seit der Grundschule.
Meine Lehrer wussten das auch.
»Tom Schröder«, pflegte einer meiner Mathelehrer zu mahnen, »du bist offensichtlich nicht für die Mathematik geschaffen, doch sogar du wirst nicht ohne sie leben können!« Für mich besaß Mathematik zu viele undurchschaubare Regeln. Ich war mehr für kreative Lösungen. Mathe, das war kalter Kaffee. Etwas für pickelige Technokraten, die sich die Hose mit der Kneifzange anzogen. Schreiben, das war das Ding. Geschichten erfinden, in denen sich Leser verlieren, wiederentdecken, in Abgründe blicken und Gipfel erklimmen.
Also Schülerzeitung.
Die zukünftige Redaktion traf sich erstmals an einem Dienstag nach dem Schulunterricht. Bert Wagner hatte die Räumlichkeit vermittelt, einen vollgerümpelten Nebenraum der Biologie-Sammlung. Als ich eintrat, entdeckte ich zunächst nur einen ausgestopften Riesen-Uhu. Er kauerte auf einem armdicken Ast, der wiederum aus einem hölzernen Podest ragte. Podest, Ast und Uhu standen auf einem langen Tisch und sahen irgendwie verloren aus.
»Hallo. Super, dass du mit dabei bist.«
Das Gesicht eines dunkelhaarigen, schmalbrüstigen Jungen tauchte plötzlich hinter dem Vogelpräparat auf und lächelte mir entgegen. Sein Lächeln erinnerte an den Uhu – es wirkte irgendwie verloren. Immerhin war er offensichtlich nicht ausgestopft.
»Ja. Mal sehen«, entgegnete ich lauwarm.
Er kam um den Tisch herum auf mich zu. Wache, braune Augen hinter einer randlosen John-Lennon-Brille. Ein milchgesichtiger Groucho Marx ohne Schnurrbart.
»Ich bin Wolfgang.« Er streckte mir seine Hand entgegen.
Ich wusste, wer er war. Wolfgang Mohn, seit kurzem Schulsprecher – ein Amt, für das sich an dieser Schule selten jemand aufdrängte und von dessen Vertretern man normalerweise noch seltener irgendwelche Anzeichen von Aktivität registrierte. Mohn hatte es geschafft, innerhalb der kurzen Spanne seines Wirkens die Schülerschaft mit einer derartigen Fülle von Anträgen und Abstimmungen zu bombardieren, dass alle nur noch genervt von ihm waren. Er rechtfertigte
diesen Aktionismus mit einer flammenden Grundsatzkundgebung, ausgehängt als Wandzeitung in der Pausenhalle, in der er sich prinzipiell dem Plebiszit sowie dem imperativen Mandat verpflichtet erklärte. Und dergleichen Zeug. Kaum jemand verstand, was er meinte, 1977 ließen sich solche Ausdrücke nicht mal so eben googeln. Das Wahlvolk hätte ihn gern zum Teufel gejagt, aber dann hätte man ein neues Opfer für den Schulsprecherposten suchen müssen. Also ertrug man Wolfgang Mohn und ließ ihn machen.
»Ich weiß. Der Schulsprecher.«
Ich ließ mich auf den angebotenen Händedruck ein. Wolfgang Mohn drückte forsch zu und konversierte munter weiter, ganz jovialer Politprofi.
»Und du bist Tom, richtig? Der Typ mit der gelben Schreibmaschine …«
»Ist mein Zwillingsbruder«, behauptete ich todernst. »Ich bin der mit der roten Schreibmaschine.«
»Echt?« Die braunen Augen blinzelten irritiert.
»Lass dich nicht vom Schröder verarschen. Den Kerl gibt’s nur einmal. Zum Glück.«
Hinter uns schob sich ein Mädchen zur Tür herein. Schmal, feingliedrig, mit glatter, dunkler Mähne, die ihr tief ins Gesicht hing und ihrem Ausdruck etwas Verhuschtes verlieh. Man hätte sie auf den ersten Blick glatt noch für eine Zwölfjährige halten können. Aber das wusste ich besser.
»In der Tat, Doro. Mit zweien von meiner Sorte wärst du niemals fertig geworden.«
Sie kicherte. Es klang wie Katzenschnurren. Nach der Mahlzeit.
»Ich bin also mit dir fertig geworden?«
»Bewahre!« Ich rang dramatisch die Hände. »Dann wären wir ja fertig miteinander. Das wäre doch schade …«
»Findest du?«
Ihr perfekt getimter Augenaufschlag vernichtete endgültig jede Illusion, eine Zwölfjährige vor sich zu haben. Die Metamorphose von kindlicher Albernheit zu erwachsenem Ernst, die Doro Gehrke jederzeit ansatzlos vollziehen konnte, verunsicherte mich zutiefst. Und auf Verunsicherung reagierte ich, dessen Persönlichkeitsbildung noch nicht über das Hemingway-Abziehbild herausgewachsen war, wie ein Vampir auf den ersten Strahl der Morgensonne: Ich zerfiel zu Staub. Glücklicherweise bemerkte das niemand, denn nach Doro drängte sich jetzt der vierte Nachwuchsredakteur ins Zimmer. Mille besaß mehr Haare als Chewbacca und sprach auch ungefähr genauso viel wie das »Star Wars«-Zottelmonster: eher selten. Aber hier sollte Mille ja auch schreiben, nicht reden. Das Reden besorgte ohnehin Wolfgang Mohn.
Wolfgangs minimaler Anspruch für unsere geplante Schülerzeitung war die politische Kampflinie von Georg Büchners »Hessischen Landboten« (»Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«), gepaart mit dem kommerziellen Erfolg von Disneys »Lustigen Taschenbüchern«. Die Schülerzeitung wäre Mohns persönliches Zentralorgan, das war uns anderen nach spätestens drei Minuten klar. Sollte er doch, dachte ich. Mir fehlte jede Lust, über die abgehakten Tagungspunkte der letzten Schulsprecherversammlung auf Kreisebene oder die Satzungsänderung in der Elternratsverordnung zu berichten.
»Was möchtest du denn schreiben, Tom?« fragte mich Wolfgang schließlich direkt.
Nichts, wofür ich vorher in langweiligen Versammlungen herumsitzen muss, schoss es mir sofort durch den Sinn.
»Satire. Ein paar Witze reißen. So was in der Art.«
»Bloß nicht schwitzen bei der Arbeit, was?«
Das kam von Doro. Sie grinste süffisant dabei. Durchschaut.
Ich bemühte mich um einen Konter. »Schwitzen kann jeder, das muss ich nicht auch noch. Was willst du denn machen?«
»Kunst. Zeichnungen. Geschichten. Was so anfällt.«
Sie zog die schmalen Schultern hoch, wobei ihr T-Shirt der Bewegung folgte und zwischen dem unteren Rand und ihrer Jeans einen knusprig braunen Bauchstreifen entblößte. Ihr flacher Nabel schien mir verrucht zuzuzwinkern. Die Sommerferien waren erst ein paar Wochen her. Plötzlich schlug vor meinem geistigen Auge der Atlantik Gischt und Wellen, und eine splitternackte Doro lief über weißen Sand. Erst, als ihre Schultern wieder absackten, vor der Peepshow der Vorhang fiel, die Kulisse jäh von Strandpanorama auf ausgestopften Uhu umschnitt und meine Atmung wieder einsetzte, registrierte ich Wolfgang Mohns forschenden Blick. Es war genau die Sorte Blick, die ein Wissenschaftler durchs Mikroskop wirft. Und mal ganz klar, wer hier die Amöbe auf dem Objektträger war...
[[reader-link]]
Ergänzend zu dem Roman »Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte …« hat Jan Schröter ein zweites Buch geschrieben: »Jan Schröters Goldene Schreibregeln«. In diesem Werk lässt er die Leser hinter die Kulissen des professionellen Schreibens und das Leben als Autor blicken, natürlich mit einer satten Portion Humor und höchst unterhaltsam.
© Autorenfoto: Hocky Neubert
Ein augenzwinkernder autobiographischer Roman, der einen tiefen Einblick in das Leben eines Autors bietet.
»Jan Schröter ist ein Spezialist für existentielle Fragen in lockerem Unterhaltungston, und er beantwortet sie mit einem sehr feinen, leisen Humor.« - BRIGITTE
Jan Schröters autobiographischer Schelmenroman - garantiert wahr!
ISBN 9783946312147
Paperback, 320 Seiten
Print-Ausgabe: 16 € (A: 16,50 €)
E-Book: 12,99 €
Hörbuch: 9,99 €
[[reader-link]]
Buch kostenlos hören
E-Book ohne Anmeldung kaufen
Hörbuch ohne Anmeldung kaufen
gedrucktes Buch kaufen

Jan Schröter kennt die Höhen und die Tiefen des Autorendaseins schmerzlich genau. Er arbeitete als Journalist und Kolumnist, schrieb Reiseführer und Kurzgeschichten, massierte die Herzen der Zuschauer mit seinen Drehbüchern für den ZDF-Kultdampfer „Das Traumschiff“ und war jahrelang Stammautor der ARD-Serie „Großstadtrevier“. Bekannt geworden ist er durch seine absurd-komischen Krimis und Romane, in denen er augenzwinkernd und nicht ohne Mitgefühl seine Figuren ins Chaos stürzt.
Autorenportrait von Jan Schröter
LESERPROBE
Schreiben kann das Leben kosten.
Manchmal genügt schon eine Literaturverfilmung, um sich buchstäblich um Kopf und Kragen zu bringen, ganz zu schweigen vom Rest des Leibes. Ausgesprochen ärgerlich, wenn man erst 18 Jahre alt ist und demnach nicht nach langem, erfülltem Dasein stirbt. Nicht mal ansatzweise auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Eher im Gegenteil.
Im Spätsommer 1977 begann das sinnloseste Schuljahr meines Lebens. Beinahe wäre es mein letztes Jahr überhaupt gewesen. Fast hätte mich mein Deutschlehrer umgebracht.
Aber der Reihe nach.
Ich war 18, trug seit dem letzten Sommerurlaub in Frankreich Vollbart und Baskenmütze und schleppte meist eine knallgelbe Reiseschreibmaschine mit mir herum, deren Buchstabentypen sich dramatisch oft zu bizarren Bündeln verklemmten, wenn ich im dilettantischen Zwei-Finger-System darauf herumhackte. Die Maschine war ein Weihnachtsgeschenk meiner Eltern, ausgewählt vermutlich in der sonnigen Hoffnung, sie würde mich bei den Schularbeiten beflügeln. Stattdessen benutzte ich sie ausschließlich, um damit im Fokus der Öffentlichkeit – Café, Einkaufszentrum, Pausenhalle, Oberstufenraum – herumzusitzen und allein schon durch meinen bloßen Anblick Aufmerksamkeit zu erregen. Ich sah aus wie ein Abziehbild von Hemingway.
Meist schrieb ich vermeintlich tiefsinnige Aphorismen oder anderes krudes Zeug. Es musste einfach genial sein, weil die Inszenierung stimmte. Kleine Jungs kaufen sich ein Trikot ihres Fußballidols und fühlen sich darin wie ein Weltmeister. Mit Baskenmütze, Vollbart und Reiseschreibmaschine ging es mir sogar als Achtzehnjähriger noch vergleichbar. Ich fühlte mich dem Literaturnobelpreis ganz nah. Hatte ich nicht alles, was ein zukünftiger Starautor benötigte? Mein erster Roman würde einschlagen wie eine Bombe.
Allerdings gab es ein Problem. Mir fiel partout keine Romangeschichte ein – trotz Vollbart, Baskenmütze und Schreibmaschine. Das fand ich ziemlich gemein, leider gab es niemanden, der diesbezüglich Beschwerden annahm. Ich hätte es ohnehin nie zugegeben, dass mir nichts einfiel. Immerhin schrieb ich gutbenotete Schulaufsätze in Serie, da konnte so ein popeliger Bestsellerroman doch keine Hürde sein, also wirklich! Ich gab unverdrossen weiterhin Hemingways Abziehbild, bis mich irgendwann Bert Wagner, mein Deutschlehrer, ansprach: Es gäbe ein paar Leute, die eine Schülerzeitung gründen wollten – ob ich vielleicht …?
Bert Wagner, mein Deutschlehrer, würde mich wenig später um ein Haar umbringen, aber das ahnten wir in diesem Moment nicht.
Also Schülerzeitung, warum nicht. Das schien mir ein Anfang zu sein. Nicht annähernd so schwierig wie sich selbst einzureden, die Realisierung des großen Romans scheitere bloß an den andauernd verklemmten Buchstabentypen meiner gelben Reiseschreibmaschine. Vielleicht, dachte ich, gäbe mir die Schule so etwas von diesem verlorenen Jahr zurück, das ich gerade erlitt.
Bis in die gymnasiale Oberstufe hatte ich mich durchgewurstelt. Deutsch, Geschichte, Politik, da setzte ich meine Glanzlichter. Es war der Ausgleich für die ungeliebten Naturwissenschaften, zwei Fünfen im Zeugnis, in Mathe und Physik, ließen sich auf diese Weise straflos kompensieren. Mehr als einmal kreiste das Abstiegsgespenst über mir, aber ich kriegte es jedes Mal hin, auch nach prekärsten Halbjahreszeugnissen (»Eine Versetzung scheint zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen«) im energischen Schlussspurt zwischen Ostern und Sommerferien noch das Klassenziel zu erreichen (»Tom wird versetzt nach Klasse …«). Dann, nach dem ersten Jahr Oberstufe, erwischte es mich zusätzlich im Fach Chemie. Drei Fünfen ließen sich nicht ausgleichen, das war Gesetz.
Für mich hieß es: Ehrenrunde, zurück auf Los. Legionen frustrierter Mathematiklehrer müssen sich die Hände gerieben haben.
Und während meine sämtlichen Freunde, meine langjährige On/Off-Beziehung Martina und praktisch jeder mir vertraute Schulgefährte nach der Abiturprüfung ins Leben hinaus flatterte und hinter dem Horizont verschwand, trat ich nach den Sommerferien 1977 mein letztes Schuljahr am Gymnasium Müssenredder in Hamburg-Poppenbüttel an. Das sinnloseste Schuljahr meines Lebens, wie gesagt. In Chemie hatte ich mich wieder auf eine Vier gewürgt, ansonsten blieb alles beim Alten: Mathe Fünf, Physik Fünf. Deutsch, Geschichte, Politik die reine Wonne. In letzteren Fächern war ich schon vorher gut, für Mathe und Physik blieb ich verloren. Wozu also das Jahr nachsitzen? Obwohl mir noch jeder Zukunftsplan fehlte: Ich würde niemals im späteren Leben einen naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen, das wusste ich seit der Grundschule.
Meine Lehrer wussten das auch.
»Tom Schröder«, pflegte einer meiner Mathelehrer zu mahnen, »du bist offensichtlich nicht für die Mathematik geschaffen, doch sogar du wirst nicht ohne sie leben können!« Für mich besaß Mathematik zu viele undurchschaubare Regeln. Ich war mehr für kreative Lösungen. Mathe, das war kalter Kaffee. Etwas für pickelige Technokraten, die sich die Hose mit der Kneifzange anzogen. Schreiben, das war das Ding. Geschichten erfinden, in denen sich Leser verlieren, wiederentdecken, in Abgründe blicken und Gipfel erklimmen.
Also Schülerzeitung.
Die zukünftige Redaktion traf sich erstmals an einem Dienstag nach dem Schulunterricht. Bert Wagner hatte die Räumlichkeit vermittelt, einen vollgerümpelten Nebenraum der Biologie-Sammlung. Als ich eintrat, entdeckte ich zunächst nur einen ausgestopften Riesen-Uhu. Er kauerte auf einem armdicken Ast, der wiederum aus einem hölzernen Podest ragte. Podest, Ast und Uhu standen auf einem langen Tisch und sahen irgendwie verloren aus.
»Hallo. Super, dass du mit dabei bist.«
Das Gesicht eines dunkelhaarigen, schmalbrüstigen Jungen tauchte plötzlich hinter dem Vogelpräparat auf und lächelte mir entgegen. Sein Lächeln erinnerte an den Uhu – es wirkte irgendwie verloren. Immerhin war er offensichtlich nicht ausgestopft.
»Ja. Mal sehen«, entgegnete ich lauwarm.
Er kam um den Tisch herum auf mich zu. Wache, braune Augen hinter einer randlosen John-Lennon-Brille. Ein milchgesichtiger Groucho Marx ohne Schnurrbart.
»Ich bin Wolfgang.« Er streckte mir seine Hand entgegen.
Ich wusste, wer er war. Wolfgang Mohn, seit kurzem Schulsprecher – ein Amt, für das sich an dieser Schule selten jemand aufdrängte und von dessen Vertretern man normalerweise noch seltener irgendwelche Anzeichen von Aktivität registrierte. Mohn hatte es geschafft, innerhalb der kurzen Spanne seines Wirkens die Schülerschaft mit einer derartigen Fülle von Anträgen und Abstimmungen zu bombardieren, dass alle nur noch genervt von ihm waren. Er rechtfertigte
diesen Aktionismus mit einer flammenden Grundsatzkundgebung, ausgehängt als Wandzeitung in der Pausenhalle, in der er sich prinzipiell dem Plebiszit sowie dem imperativen Mandat verpflichtet erklärte. Und dergleichen Zeug. Kaum jemand verstand, was er meinte, 1977 ließen sich solche Ausdrücke nicht mal so eben googeln. Das Wahlvolk hätte ihn gern zum Teufel gejagt, aber dann hätte man ein neues Opfer für den Schulsprecherposten suchen müssen. Also ertrug man Wolfgang Mohn und ließ ihn machen.
»Ich weiß. Der Schulsprecher.«
Ich ließ mich auf den angebotenen Händedruck ein. Wolfgang Mohn drückte forsch zu und konversierte munter weiter, ganz jovialer Politprofi.
»Und du bist Tom, richtig? Der Typ mit der gelben Schreibmaschine …«
»Ist mein Zwillingsbruder«, behauptete ich todernst. »Ich bin der mit der roten Schreibmaschine.«
»Echt?« Die braunen Augen blinzelten irritiert.
»Lass dich nicht vom Schröder verarschen. Den Kerl gibt’s nur einmal. Zum Glück.«
Hinter uns schob sich ein Mädchen zur Tür herein. Schmal, feingliedrig, mit glatter, dunkler Mähne, die ihr tief ins Gesicht hing und ihrem Ausdruck etwas Verhuschtes verlieh. Man hätte sie auf den ersten Blick glatt noch für eine Zwölfjährige halten können. Aber das wusste ich besser.
»In der Tat, Doro. Mit zweien von meiner Sorte wärst du niemals fertig geworden.«
Sie kicherte. Es klang wie Katzenschnurren. Nach der Mahlzeit.
»Ich bin also mit dir fertig geworden?«
»Bewahre!« Ich rang dramatisch die Hände. »Dann wären wir ja fertig miteinander. Das wäre doch schade …«
»Findest du?«
Ihr perfekt getimter Augenaufschlag vernichtete endgültig jede Illusion, eine Zwölfjährige vor sich zu haben. Die Metamorphose von kindlicher Albernheit zu erwachsenem Ernst, die Doro Gehrke jederzeit ansatzlos vollziehen konnte, verunsicherte mich zutiefst. Und auf Verunsicherung reagierte ich, dessen Persönlichkeitsbildung noch nicht über das Hemingway-Abziehbild herausgewachsen war, wie ein Vampir auf den ersten Strahl der Morgensonne: Ich zerfiel zu Staub. Glücklicherweise bemerkte das niemand, denn nach Doro drängte sich jetzt der vierte Nachwuchsredakteur ins Zimmer. Mille besaß mehr Haare als Chewbacca und sprach auch ungefähr genauso viel wie das »Star Wars«-Zottelmonster: eher selten. Aber hier sollte Mille ja auch schreiben, nicht reden. Das Reden besorgte ohnehin Wolfgang Mohn.
Wolfgangs minimaler Anspruch für unsere geplante Schülerzeitung war die politische Kampflinie von Georg Büchners »Hessischen Landboten« (»Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«), gepaart mit dem kommerziellen Erfolg von Disneys »Lustigen Taschenbüchern«. Die Schülerzeitung wäre Mohns persönliches Zentralorgan, das war uns anderen nach spätestens drei Minuten klar. Sollte er doch, dachte ich. Mir fehlte jede Lust, über die abgehakten Tagungspunkte der letzten Schulsprecherversammlung auf Kreisebene oder die Satzungsänderung in der Elternratsverordnung zu berichten.
»Was möchtest du denn schreiben, Tom?« fragte mich Wolfgang schließlich direkt.
Nichts, wofür ich vorher in langweiligen Versammlungen herumsitzen muss, schoss es mir sofort durch den Sinn.
»Satire. Ein paar Witze reißen. So was in der Art.«
»Bloß nicht schwitzen bei der Arbeit, was?«
Das kam von Doro. Sie grinste süffisant dabei. Durchschaut.
Ich bemühte mich um einen Konter. »Schwitzen kann jeder, das muss ich nicht auch noch. Was willst du denn machen?«
»Kunst. Zeichnungen. Geschichten. Was so anfällt.«
Sie zog die schmalen Schultern hoch, wobei ihr T-Shirt der Bewegung folgte und zwischen dem unteren Rand und ihrer Jeans einen knusprig braunen Bauchstreifen entblößte. Ihr flacher Nabel schien mir verrucht zuzuzwinkern. Die Sommerferien waren erst ein paar Wochen her. Plötzlich schlug vor meinem geistigen Auge der Atlantik Gischt und Wellen, und eine splitternackte Doro lief über weißen Sand. Erst, als ihre Schultern wieder absackten, vor der Peepshow der Vorhang fiel, die Kulisse jäh von Strandpanorama auf ausgestopften Uhu umschnitt und meine Atmung wieder einsetzte, registrierte ich Wolfgang Mohns forschenden Blick. Es war genau die Sorte Blick, die ein Wissenschaftler durchs Mikroskop wirft. Und mal ganz klar, wer hier die Amöbe auf dem Objektträger war...
[[reader-link]]
Buch kostenlos hören
Ergänzend zu dem Roman »Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte …« hat Jan Schröter ein zweites Buch geschrieben: »Jan Schröters Goldene Schreibregeln«. In diesem Werk lässt er die Leser hinter die Kulissen des professionellen Schreibens und das Leben als Autor blicken, natürlich mit einer satten Portion Humor und höchst unterhaltsam.
© Autorenfoto: Hocky Neubert
weiterlesen
Schreibregel der Woche

© Autorenfoto: Hocky Neubert
Ich freue mich über alle, die schreiben. Schon, weil es in einer Welt der vielen unbedachten Worte erfreulich ist, wenn sie nicht einfach herausposaunt, sondern zumindest so lange abgewogen werden, wie es dauert, sie schriftlich festzuhalten. Viele Leute füllen maximal Formulare oder Kreuzworträtsel aus, schreiben mal eine E-Mail oder eine SMS aus dem Urlaub oder chatten rund um die Uhr in rudimentären Halbsätzen auf WhatsApp. Doch erstaunlich viele Menschen schreiben eigene Erlebnisse oder erfundene Geschichten auf und hegen den innigen Wunsch, diese Texte zu veröffentlichen...
Interessieren sich Leser nur aus alter Freundschaft für dein Werk, vergiss es
von Jan Schröter
© Autorenfoto: Hocky Neubert
Ich freue mich über alle, die schreiben. Schon, weil es in einer Welt der vielen unbedachten Worte erfreulich ist, wenn sie nicht einfach herausposaunt, sondern zumindest so lange abgewogen werden, wie es dauert, sie schriftlich festzuhalten. Viele Leute füllen maximal Formulare oder Kreuzworträtsel aus, schreiben mal eine E-Mail oder eine SMS aus dem Urlaub oder chatten rund um die Uhr in rudimentären Halbsätzen auf WhatsApp. Doch erstaunlich viele Menschen schreiben eigene Erlebnisse oder erfundene Geschichten auf und hegen den innigen Wunsch, diese Texte zu veröffentlichen...
Seit vielen Jahren bin ich mit meinen eigenen Büchern landauf und landab auf Lesereisen unterwegs. Doch egal, in welcher Region, in welcher Stadt oder welchem Dorf und aus welchem Buch ich lese: Es vergeht nur selten eine Veranstaltung, ohne dass jemand zu mir kommt, um mir zu gestehen, er oder sie würde auch gerne ein Buch veröffentlichen. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, einige dieser Menschen besuchen die Veranstaltung weniger wegen der Lesung an sich, sondern weil sie endlich mit einem echten Schriftsteller über ihr eigenen literarischen Ambitionen reden möchten.
Das verstehe ich sehr gut.
Wenn man als gestandener Autor erzählt, man arbeite gerade an einem neuen Roman, der nächstes Jahr erscheinen soll – dann ist das eine Äußerung, die alle völlig in Ordnung finden. Wenn man jedoch weder jemals ein Buch noch sonst etwas veröffentlicht hat, beruflich nichts mit dem Literaturbetrieb oder wenigstens mit Journalismus zu tun hat und trotzdem erklärt, man schriebe einen Roman – in dem Fall hält sich der Zuspruch in Grenzen. Und hat man weder einen guten Schulabschluss noch einen besonders aufregenden Beruf, dann lächeln alle bloß mitleidig. Keiner glaubt an sowas.
Sie etwa?
Stellen Sie sich bitte vor, Sie befänden sich im Jahr 1996. Auf einer Party lernen Sie eine Frau kennen. Sie ist Engländerin, jenseits der 30 und hat schon einiges hinter sich.
„Nach der Schule hab‘ ich studiert“, erzählt sie Ihnen. „Klassische Altertumswissenschaft.“
Au Backe, denken Sie, ziemlich brotlos, so ein Abschluss. Und Sie haben absolut Recht.
„Damit war nicht viel anzufangen“, gesteht Ihre neue Bekanntschaft freimütig ein. „Also habe ich in London Bürojobs angenommen, mal hier, mal da. Zwei Jahre lang sogar für Amnesty International. Aber dann kam die Liebe dazwischen und ich bin zu meinem Freund nach Manchester gezogen. Da war nicht mehr viel mit bezahlter Arbeit. Außerdem ging die Beziehung bald in die Binsen, meine Mutter ist gestorben, ich hab’s echt nicht mehr ausgehalten in England …“
Eigentlich würden Sie viel lieber über Fußball reden. Hey, es ist 1996: Deutschland ist gerade Europameister geworden. In England, haha. Aber diese Engländerin breitet vor Ihnen ihre Lebensgeschichte aus. Und höflich, wie Sie sind, lauschen Sie ergeben.
„Ich bin also auf den Kontinent gezogen, nach Portugal. Dort habe ich in Porto Englischunterricht gegeben. Zuerst jedenfalls. Dann kam nämlich Jorge, ein besonders netter Portugiese. Wir heirateten und bekamen eine Tochter, danach war es sehr bald leider nicht mehr so nett mit Jorge. Wir ließen uns scheiden, ich nahm die Kleine mit zurück auf die Insel …“
Chaos-Queen, denken Sie bei sich. Um auch mal was zu sagen, soufflieren Sie: „Zurück nach London?“
„Nach Edinburgh“, sagt die Dame. „Da wohnen wir nun. Seit drei Jahren.“
„Kein Job?“
Sie zuckt die Achseln. „Alleinerziehend. Sozialhilfe.“
Kaputte Biografie, denken Sie. Sackgasse. Aus dem Sumpf kommt man nur schwer wieder heraus. Nette Frau, schade eigentlich.
Ihr Gegenüber wittert Ihre Gefühle.
„Ist aber nicht so, dass ich nichts mache“, eröffnet sie Ihnen. „Ich habe nämlich ein Buch geschrieben!“
„Aha“, wundern Sie sich, „wo ist es denn erschienen?“
„Nun ja...“ Sie zögert verlegen, wagt dann einen Vorstoß. „Vielleicht haben Sie ja eine Idee, wohin ich damit soll. Bisher wollte es niemand. Wissen Sie, die Geschichte ist mir mal während einer Zugfahrt nach Manchester eingefallen …“
Spätestens jetzt suchen Sie das Weite, um diese offensichtliche Traumtänzerin und ihr Buch so schnell wie möglich zu vergessen.
Schade, eigentlich. Sonst hätten Sie nämlich Joanne K. Rowling noch besser kennengelernt, vielleicht sogar ihr Buch „Harry Potter und der Stein der Weisen“ als Agent vermittelt oder als Verleger veröffentlicht und wären heute steinreich.
Nun, Joanne K. Rowling hat es schließlich auch ohne Sie geschafft. Die „Harry Potter“–Buchreihe wurde eines der finanziell erfolgreichsten Projekte der Literaturgeschichte. Dazu kam es nur, weil sich die Autorin nicht von Verlagsabsagen entmutigen ließ. Die gab es nämlich sogar in diesem Fall. Denn noch schwerer, als einen Roman zu schreiben, ist es, andere Menschen davon zu überzeugen, dass diese Geschichte es wert ist, veröffentlicht zu werden.
Deswegen höre ich geduldig zu, wenn Leute zu mir kommen und mir von ihren eigenen literarischen Ambitionen erzählen. Meine Standardfrage ist danach immer: „Haben Sie das schon mal jemandem zu Lesen gegeben?“
Die Meisten zählen dann Testleser aus ihrem Familien- und Freundeskreis auf. Und diese Probanden fanden die Lektüre natürlich super. Was auch sonst, wenn im Kritikfall Liebes- oder Taschengeldentzug oder gleich beides droht.
Mein Rat ist folgender: Suchen Sie sich als Testleser einen oder besser noch mehrere Menschen, die Ihnen nicht besonders nahestehen. Wichtig ist nur, dass diese Leute mehr lesen als nur alle Jubeljahre mal ein Buch im Urlaub. Nützlich wäre, wenn sie ihre übliche Lektüre bevorzugt aus einem Genre wählen, in dem sich Ihr Werk ebenfalls bewegt – es macht wenig Sinn, einen ausschließlichen Hardcore-Thriller-Konsumenten mit einem pilcheresken Liebesroman überzeugen zu wollen.
Natürlich riskieren Sie bei solcher Testleser-Kandidatenwahl für Ihr Werk möglicherweise Ablehnung. Vielleicht sogar Hohn und Spott. Andererseits, Sie möchten es veröffentlichen. Dann würden Sie die Kritik fremder Menschen ohnehin aushalten müssen.
Doch aushalten ist nicht alles. Man kann aus Kritik ja auch lernen. Wenn alle (oder beinahe alle) „neutralen Testleser“ über die gleichen Textmängel klagen, Ihre probelesenden Freunde und Familienmitglieder jedoch nichts zu beanstanden haben – glauben Sie den „Neutralen“. Und bleiben Freunde und Familie die Einzigen, die Ihr Werk angeblich interessant finden, wäre es vielleicht an der Zeit, den Plan mit der Veröffentlichung grundsätzlich zu überdenken.
Diese Regel stammt aus dem Tatort-Schreibtisch-Buch:
Jan Schröters "Goldene Schreibregeln" - 22 Tipps für Autoren und alle, die es werden wollen

Die Mailadresse lautet
Mehr Infos über das Buch "Goldene Schreibregeln"
E-Book ohne Anmeldung kaufen
Autorenportrait von Jan Schröter
© Autorenfoto: Hocky Neubert
Das verstehe ich sehr gut.
Wenn man als gestandener Autor erzählt, man arbeite gerade an einem neuen Roman, der nächstes Jahr erscheinen soll – dann ist das eine Äußerung, die alle völlig in Ordnung finden. Wenn man jedoch weder jemals ein Buch noch sonst etwas veröffentlicht hat, beruflich nichts mit dem Literaturbetrieb oder wenigstens mit Journalismus zu tun hat und trotzdem erklärt, man schriebe einen Roman – in dem Fall hält sich der Zuspruch in Grenzen. Und hat man weder einen guten Schulabschluss noch einen besonders aufregenden Beruf, dann lächeln alle bloß mitleidig. Keiner glaubt an sowas.
Sie etwa?
Stellen Sie sich bitte vor, Sie befänden sich im Jahr 1996. Auf einer Party lernen Sie eine Frau kennen. Sie ist Engländerin, jenseits der 30 und hat schon einiges hinter sich.
„Nach der Schule hab‘ ich studiert“, erzählt sie Ihnen. „Klassische Altertumswissenschaft.“
Au Backe, denken Sie, ziemlich brotlos, so ein Abschluss. Und Sie haben absolut Recht.
„Damit war nicht viel anzufangen“, gesteht Ihre neue Bekanntschaft freimütig ein. „Also habe ich in London Bürojobs angenommen, mal hier, mal da. Zwei Jahre lang sogar für Amnesty International. Aber dann kam die Liebe dazwischen und ich bin zu meinem Freund nach Manchester gezogen. Da war nicht mehr viel mit bezahlter Arbeit. Außerdem ging die Beziehung bald in die Binsen, meine Mutter ist gestorben, ich hab’s echt nicht mehr ausgehalten in England …“
Eigentlich würden Sie viel lieber über Fußball reden. Hey, es ist 1996: Deutschland ist gerade Europameister geworden. In England, haha. Aber diese Engländerin breitet vor Ihnen ihre Lebensgeschichte aus. Und höflich, wie Sie sind, lauschen Sie ergeben.
„Ich bin also auf den Kontinent gezogen, nach Portugal. Dort habe ich in Porto Englischunterricht gegeben. Zuerst jedenfalls. Dann kam nämlich Jorge, ein besonders netter Portugiese. Wir heirateten und bekamen eine Tochter, danach war es sehr bald leider nicht mehr so nett mit Jorge. Wir ließen uns scheiden, ich nahm die Kleine mit zurück auf die Insel …“
Chaos-Queen, denken Sie bei sich. Um auch mal was zu sagen, soufflieren Sie: „Zurück nach London?“
„Nach Edinburgh“, sagt die Dame. „Da wohnen wir nun. Seit drei Jahren.“
„Kein Job?“
Sie zuckt die Achseln. „Alleinerziehend. Sozialhilfe.“
Kaputte Biografie, denken Sie. Sackgasse. Aus dem Sumpf kommt man nur schwer wieder heraus. Nette Frau, schade eigentlich.
Ihr Gegenüber wittert Ihre Gefühle.
„Ist aber nicht so, dass ich nichts mache“, eröffnet sie Ihnen. „Ich habe nämlich ein Buch geschrieben!“
„Aha“, wundern Sie sich, „wo ist es denn erschienen?“
„Nun ja...“ Sie zögert verlegen, wagt dann einen Vorstoß. „Vielleicht haben Sie ja eine Idee, wohin ich damit soll. Bisher wollte es niemand. Wissen Sie, die Geschichte ist mir mal während einer Zugfahrt nach Manchester eingefallen …“
Spätestens jetzt suchen Sie das Weite, um diese offensichtliche Traumtänzerin und ihr Buch so schnell wie möglich zu vergessen.
Schade, eigentlich. Sonst hätten Sie nämlich Joanne K. Rowling noch besser kennengelernt, vielleicht sogar ihr Buch „Harry Potter und der Stein der Weisen“ als Agent vermittelt oder als Verleger veröffentlicht und wären heute steinreich.
Nun, Joanne K. Rowling hat es schließlich auch ohne Sie geschafft. Die „Harry Potter“–Buchreihe wurde eines der finanziell erfolgreichsten Projekte der Literaturgeschichte. Dazu kam es nur, weil sich die Autorin nicht von Verlagsabsagen entmutigen ließ. Die gab es nämlich sogar in diesem Fall. Denn noch schwerer, als einen Roman zu schreiben, ist es, andere Menschen davon zu überzeugen, dass diese Geschichte es wert ist, veröffentlicht zu werden.
Deswegen höre ich geduldig zu, wenn Leute zu mir kommen und mir von ihren eigenen literarischen Ambitionen erzählen. Meine Standardfrage ist danach immer: „Haben Sie das schon mal jemandem zu Lesen gegeben?“
Die Meisten zählen dann Testleser aus ihrem Familien- und Freundeskreis auf. Und diese Probanden fanden die Lektüre natürlich super. Was auch sonst, wenn im Kritikfall Liebes- oder Taschengeldentzug oder gleich beides droht.
Mein Rat ist folgender: Suchen Sie sich als Testleser einen oder besser noch mehrere Menschen, die Ihnen nicht besonders nahestehen. Wichtig ist nur, dass diese Leute mehr lesen als nur alle Jubeljahre mal ein Buch im Urlaub. Nützlich wäre, wenn sie ihre übliche Lektüre bevorzugt aus einem Genre wählen, in dem sich Ihr Werk ebenfalls bewegt – es macht wenig Sinn, einen ausschließlichen Hardcore-Thriller-Konsumenten mit einem pilcheresken Liebesroman überzeugen zu wollen.
Natürlich riskieren Sie bei solcher Testleser-Kandidatenwahl für Ihr Werk möglicherweise Ablehnung. Vielleicht sogar Hohn und Spott. Andererseits, Sie möchten es veröffentlichen. Dann würden Sie die Kritik fremder Menschen ohnehin aushalten müssen.
Doch aushalten ist nicht alles. Man kann aus Kritik ja auch lernen. Wenn alle (oder beinahe alle) „neutralen Testleser“ über die gleichen Textmängel klagen, Ihre probelesenden Freunde und Familienmitglieder jedoch nichts zu beanstanden haben – glauben Sie den „Neutralen“. Und bleiben Freunde und Familie die Einzigen, die Ihr Werk angeblich interessant finden, wäre es vielleicht an der Zeit, den Plan mit der Veröffentlichung grundsätzlich zu überdenken.
Diese Regel stammt aus dem Tatort-Schreibtisch-Buch:
Jan Schröters "Goldene Schreibregeln" - 22 Tipps für Autoren und alle, die es werden wollen

Wenn Sie das Buch bestellen möchten, schicken wir Ihnen das Buch versandkostenfrei zu.
Mailen
Sie uns einfach Ihre Bestellung zusammen mit Ihrer Anschrift und Ihrer
Kontoverbindung (IBAN) zu, wir buchen den Rechnungsbetrag von Ihrem
Konto ab. Alternativ bekommen Sie von uns eine Rechnung, damit Sie uns
den Betrag überweisen können.
E-Book ohne Anmeldung kaufen
© Autorenfoto: Hocky Neubert
weiterlesen
Autoren live: Tatort-Schreibtisch-Hörbuch der Woche
Isabella Archan: "Tote haben kein Zahnweh"
Dr. Leocardia Kardiff, Zahnärztin mit Spritzenphobie, wird in den Mord an einer betuchten Witwe verwickelt. Von Neugierde und Gerechtigkeitssinn getrieben, macht sie sich auf die Suche nach dem Täter...
und gerät nicht nur mit Hauptkommissar Jakob Zimmer, Ermittler mit Zahnschmerzen, in Konflikt, sondern auch selbst in Lebensgefahr. Denn der Mörder hat sie bereits im Visier ... Ein mordskomischer Zahnarztkrimi mit einer liebenswert-chaotisch ermittelnden Dentistin, die Isabella Archan als Sprecherin ihres Romans pointiert zum Leben erweckt.
»Isabella Archan schreibt leichtfüßig, pointiert und mit viel schwarzem Humor.« - ORF Radio Steiermark
ISBN 9783946312321
Hörbuch zum Download: 9,99 €
Hörbuch ohne Anmeldung kaufen

Isabella Archan ist ihren vielen Fans nicht nur als Autorin der sympathischen Zahnarzt-Ermittlerin Dr. Leo Kardiff bekannt, sondern auch als Schauspielerin, u.a. im Kölner Tatort und in der Lindenstrasse. Die gebürtige Grazerin spielte viele Jahre als an Staats- und Stadttheatern in Österreich, der Schweiz und Deutschland, heute lebt sie freiberuflich in Köln, hier begann sie auch ihre Laufbahn als Autorin. Isabella Archan ist bekannt für ihre besonderen Lesungen, sie tourt mit einem eigenen Krimi-Solo-Programm.
„Tatort Schreibtisch - Autoren live“ ist eine Hörbuch-Reihe, in der renommierte und beliebte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre eigenen Bücher vorstellen. Jeden Monat erscheint ein Roman, ungekürzt und wie bei einer Autoren-Lesung vom Autor selbst eingesprochen. Das ist für Fans eine Chance, ihre Lieblingsautoren ganz neu kennenzulernen, und für alle anderen eine gute Gelegenheit, neue und besondere Autoren zu entdecken.
»Isabella Archan schreibt leichtfüßig, pointiert und mit viel schwarzem Humor.« - ORF Radio Steiermark
ISBN 9783946312321
Hörbuch zum Download: 9,99 €
Buch kostenlos hören
Hörbuch ohne Anmeldung kaufen

Isabella Archan ist ihren vielen Fans nicht nur als Autorin der sympathischen Zahnarzt-Ermittlerin Dr. Leo Kardiff bekannt, sondern auch als Schauspielerin, u.a. im Kölner Tatort und in der Lindenstrasse. Die gebürtige Grazerin spielte viele Jahre als an Staats- und Stadttheatern in Österreich, der Schweiz und Deutschland, heute lebt sie freiberuflich in Köln, hier begann sie auch ihre Laufbahn als Autorin. Isabella Archan ist bekannt für ihre besonderen Lesungen, sie tourt mit einem eigenen Krimi-Solo-Programm.
„Tatort Schreibtisch - Autoren live“ ist eine Hörbuch-Reihe, in der renommierte und beliebte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre eigenen Bücher vorstellen. Jeden Monat erscheint ein Roman, ungekürzt und wie bei einer Autoren-Lesung vom Autor selbst eingesprochen. Das ist für Fans eine Chance, ihre Lieblingsautoren ganz neu kennenzulernen, und für alle anderen eine gute Gelegenheit, neue und besondere Autoren zu entdecken.
weiterlesen
Tatort-Schreibtisch-Autor der Woche
Ohne Buch aus dem Haus gehen? „Niemals“, sagt Peter Godazgar mit gespielter Empörung. Ebenso erstaunlich wie der vorgebrachte Umstand selbst, ist die Begründung, die er nachliefert: „Falls ich mal entführt werde. Damit die Geiselhaft nicht so langweilig wird.“
Peter Godazgar meint viele Dinge, die er sagt, nicht allzu ernst. Man könnte auch sagen: Er ist nicht nur ein äußerst sympathischer, sondern auch ein ziemlich lustiger Typ. Ich sage das nicht nur, weil er mein Mann ist. Doch seine ständigen Witzeleien führen nicht nur dazu, dass man – will man die Konversation mit ihm als gleichwertiger Partner überstehen – einen äußerst ausgeprägten Sinn für Ironie, fein gesetzte Pointen und bissige Bonmots benötigt.
Dabei haben sie durchaus einen ernsten Hintergrund: Der Mann war früher mal sehr schüchtern. Was man, wenn man ihn auf einer seiner sehenswerten, eher an Kabarett erinnernden Lesungen erlebt, kaum glauben mag. Doch schon als Kind hat Peter Godazgar seine leicht soziophobischen Züge erfolgreich als Klassenclown überspielt.
Das war auch gut so. Sonst hätte er womöglich niemals aus der behüteten Enge seines katholischen Heimatstädtchen Hückelhoven am Niederrhein herausgefunden. Dort unternahm er zwar auch erste Schreibübungen, tat sich ansonsten jedoch vor allem durch – echt wahr – Bibeltreue hervor und als Messdiener sowie Betreuer bei kirchlichen Jugend-Freizeiten.
Als das Leben und der Zufall ihn nach seinem Germanistik- und Geschichtsstudium an der RWTH Aachen in den Ostteil der neu sortierten Bundesrepublik schickte, blieb er glatt dort hängen. Nach vielen Jahren als Redakteur bei der Mitteldeutschen Zeitung schreibt er inzwischen die Reden für den Oberbürgermeister von Halle (Saale), einer notorisch unterschätzten Stadt, deren stellvertretender Pressesprecher er nun ebenfalls ist, und in der er mit Frau, Kindern und einem Schafpudel lebt.
Ein alter Kontakt in seine frühere niederrheinische Heimat war es, durch den Godazgar Ende der 1990er Jahre sogar fast schon ein bisschen berühmt wurde. Denn sein Jugendfreund Thomas Jahn drehte mit dem Schauspieler Til Schweiger den Erfolgsfilm „Knockin’ on heaven’s door“ – Peter Godazgar schrieb zwar nicht das Drehbuch, aber den Roman zum Film – oder, wie Godazgar sagt, „das Buch für alle jene, die den Film nicht verstanden hatten und noch mal nachlesen mussten“.
Seinen ersten eigenen Kriminalroman schrieb er einige Jahre später – im Zug. Jeden Morgen im Regionalexpress, auf dem Weg zur Arbeit. Und abends, auf dem Heimweg. Doch seine eingangs erwähnte Schüchternheit sorgte erst einmal dafür, dass das Werk für mehrere Jahre in einer Schreibtischschublade verschwand.
Erst durch gutes Zureden seiner Frau (also durch mich) fasste er schließlich den Mut, es an einen Verlag zu schicken. Der griff prompt zu. 2004 erschien das Buch „Unter Schweinen“ beim Dortmunder Grafit-Verlag und bildete den Auftakt für insgesamt drei Romane mit dem schusselig-chaotisch-neurotischen Privatermittler Markus Waldo. Einer Figur, die Godazgar irgendwie ziemlich ähnlich war und ist.
Neben einem Exkurs in das Genre Liebesroman sowie zwei kriminalistischen Gemeinschaftsprojekten mit sieben weiteren Autorenkollegen sind inzwischen etliche schwarzhumorige Krimi-Kurzgeschichten entstanden. Eine davon wurde 2017 für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis nominiert.
Es sind vor allem diese Kurzgeschichten, die ein Dilemma offenbaren, das der Autor seit langem mit sich herumträgt: Er mag eigentlich keine Krimis. Und er mag auch keine epischen Schilderungen ausgeklügelter Foltermethoden, keine Metzeleien, keine bestialisch ausgeführten Morde und keine megacoolen Ermittler, die noch im größten Chaos einen lockeren Spruch aus der Hüfte schießen. Deshalb geht es bei ihm immer eher lustig zu.
Die Akteure, die bei Peter Godazgar zum Mörder werden, sind oft kleine Leute, ewige Verlierer, die irgendwie unverschuldet in eine blöde Situation geraten sind. Oft sind es liebe Kerle, denen man als Leser dort am liebsten selbst wieder heraushelfen möchte: Dirk, der Hartz-IV-Empfänger, der nachts in ein Einfamilienhaus einsteigt, und dabei einen Hexenschuss erleidet, zählt ebenso in diese Kategorie wie Georg Diepenbrock, der sozial und intellektuell benachteiligte ehemalige Kleinkriminelle, der sich als unfreiwillig komisches Michael-Jackson-Double durchs Leben schlägt.
All diese Geschichten und ihre Akteure mögen für Fans reiner Spannungsromane nicht unbedingt der geeignete Lesestoff sein. Wer jedoch Spaß an ulkigen Charakteren und Situationskomik hat, der kommt bei Godazgar voll auf seine Kosten. Übrigens: Die Geschichten werden umso besser, wenn der Autor sie selbst vorliest. Denn durch die vielen Auftritte vor Publikum hat er inzwischen nicht nur seine Schüchternheit abgelegt. Hinter ihr tritt außerdem etwas hervor, das sonst womöglich verschüttet geblieben wäre: Der Mann besitzt ein untrügliches Gefühl für Timing. Versprochen!
Ines Godazgar ist Journalistin und Ehefrau von Peter Godazgar
Peter Godazgar ist Tatort-Schreibtisch-Autor und liest in der Reihe "Tatort-Scheibtisch: Autoren live" seinen Krimi "Der tut nix, der will nur morden!"
Mehr Informationen zum Hörbuch "Der tut nix, der will nur morden!"
Peter Godazgar: Der Ex-Schüchterne mit dem ausgeprägten Gespür für Timing
Von Ines GodazgarOhne Buch aus dem Haus gehen? „Niemals“, sagt Peter Godazgar mit gespielter Empörung. Ebenso erstaunlich wie der vorgebrachte Umstand selbst, ist die Begründung, die er nachliefert: „Falls ich mal entführt werde. Damit die Geiselhaft nicht so langweilig wird.“
Peter Godazgar meint viele Dinge, die er sagt, nicht allzu ernst. Man könnte auch sagen: Er ist nicht nur ein äußerst sympathischer, sondern auch ein ziemlich lustiger Typ. Ich sage das nicht nur, weil er mein Mann ist. Doch seine ständigen Witzeleien führen nicht nur dazu, dass man – will man die Konversation mit ihm als gleichwertiger Partner überstehen – einen äußerst ausgeprägten Sinn für Ironie, fein gesetzte Pointen und bissige Bonmots benötigt.
Dabei haben sie durchaus einen ernsten Hintergrund: Der Mann war früher mal sehr schüchtern. Was man, wenn man ihn auf einer seiner sehenswerten, eher an Kabarett erinnernden Lesungen erlebt, kaum glauben mag. Doch schon als Kind hat Peter Godazgar seine leicht soziophobischen Züge erfolgreich als Klassenclown überspielt.
Das war auch gut so. Sonst hätte er womöglich niemals aus der behüteten Enge seines katholischen Heimatstädtchen Hückelhoven am Niederrhein herausgefunden. Dort unternahm er zwar auch erste Schreibübungen, tat sich ansonsten jedoch vor allem durch – echt wahr – Bibeltreue hervor und als Messdiener sowie Betreuer bei kirchlichen Jugend-Freizeiten.
Als das Leben und der Zufall ihn nach seinem Germanistik- und Geschichtsstudium an der RWTH Aachen in den Ostteil der neu sortierten Bundesrepublik schickte, blieb er glatt dort hängen. Nach vielen Jahren als Redakteur bei der Mitteldeutschen Zeitung schreibt er inzwischen die Reden für den Oberbürgermeister von Halle (Saale), einer notorisch unterschätzten Stadt, deren stellvertretender Pressesprecher er nun ebenfalls ist, und in der er mit Frau, Kindern und einem Schafpudel lebt.
Ein alter Kontakt in seine frühere niederrheinische Heimat war es, durch den Godazgar Ende der 1990er Jahre sogar fast schon ein bisschen berühmt wurde. Denn sein Jugendfreund Thomas Jahn drehte mit dem Schauspieler Til Schweiger den Erfolgsfilm „Knockin’ on heaven’s door“ – Peter Godazgar schrieb zwar nicht das Drehbuch, aber den Roman zum Film – oder, wie Godazgar sagt, „das Buch für alle jene, die den Film nicht verstanden hatten und noch mal nachlesen mussten“.
Seinen ersten eigenen Kriminalroman schrieb er einige Jahre später – im Zug. Jeden Morgen im Regionalexpress, auf dem Weg zur Arbeit. Und abends, auf dem Heimweg. Doch seine eingangs erwähnte Schüchternheit sorgte erst einmal dafür, dass das Werk für mehrere Jahre in einer Schreibtischschublade verschwand.
Erst durch gutes Zureden seiner Frau (also durch mich) fasste er schließlich den Mut, es an einen Verlag zu schicken. Der griff prompt zu. 2004 erschien das Buch „Unter Schweinen“ beim Dortmunder Grafit-Verlag und bildete den Auftakt für insgesamt drei Romane mit dem schusselig-chaotisch-neurotischen Privatermittler Markus Waldo. Einer Figur, die Godazgar irgendwie ziemlich ähnlich war und ist.
Neben einem Exkurs in das Genre Liebesroman sowie zwei kriminalistischen Gemeinschaftsprojekten mit sieben weiteren Autorenkollegen sind inzwischen etliche schwarzhumorige Krimi-Kurzgeschichten entstanden. Eine davon wurde 2017 für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis nominiert.
Es sind vor allem diese Kurzgeschichten, die ein Dilemma offenbaren, das der Autor seit langem mit sich herumträgt: Er mag eigentlich keine Krimis. Und er mag auch keine epischen Schilderungen ausgeklügelter Foltermethoden, keine Metzeleien, keine bestialisch ausgeführten Morde und keine megacoolen Ermittler, die noch im größten Chaos einen lockeren Spruch aus der Hüfte schießen. Deshalb geht es bei ihm immer eher lustig zu.
Die Akteure, die bei Peter Godazgar zum Mörder werden, sind oft kleine Leute, ewige Verlierer, die irgendwie unverschuldet in eine blöde Situation geraten sind. Oft sind es liebe Kerle, denen man als Leser dort am liebsten selbst wieder heraushelfen möchte: Dirk, der Hartz-IV-Empfänger, der nachts in ein Einfamilienhaus einsteigt, und dabei einen Hexenschuss erleidet, zählt ebenso in diese Kategorie wie Georg Diepenbrock, der sozial und intellektuell benachteiligte ehemalige Kleinkriminelle, der sich als unfreiwillig komisches Michael-Jackson-Double durchs Leben schlägt.
All diese Geschichten und ihre Akteure mögen für Fans reiner Spannungsromane nicht unbedingt der geeignete Lesestoff sein. Wer jedoch Spaß an ulkigen Charakteren und Situationskomik hat, der kommt bei Godazgar voll auf seine Kosten. Übrigens: Die Geschichten werden umso besser, wenn der Autor sie selbst vorliest. Denn durch die vielen Auftritte vor Publikum hat er inzwischen nicht nur seine Schüchternheit abgelegt. Hinter ihr tritt außerdem etwas hervor, das sonst womöglich verschüttet geblieben wäre: Der Mann besitzt ein untrügliches Gefühl für Timing. Versprochen!
Ines Godazgar ist Journalistin und Ehefrau von Peter Godazgar
Peter Godazgar ist Tatort-Schreibtisch-Autor und liest in der Reihe "Tatort-Scheibtisch: Autoren live" seinen Krimi "Der tut nix, der will nur morden!"
Mehr Informationen zum Hörbuch "Der tut nix, der will nur morden!"
Buch kostenlos hören
weiterlesen
Exklusiv nur bei "Tatort-Schreibtisch":
Bücher kostenlos lesen und hören
"Tatort Schreibtisch" ist eine Initiative des Kick-Verlages, der sich der Leseförderung von Kindern und Jungendlichen sowie der Autorenförderung verschrieben hat. Im Rahmen dieser Förderprogramm ermöglicht "Tatort Schreibtisch" auf seinen Webseiten, alle Bücher aus seinem Programm kostenlos zu lesen und zu hören.
Um dieses exklusive und einmalige Angebot anzunehmen, brauchen Sie nur ein kostenloses Tatort-Schreibtisch-Konto zu eröffnen, um sofort danach auf Ihrem Smartphone oder Ihrem Computer alle Bücher und Hörbücher lesen zu können. Die ersten 40-50 Seiten oder die ersten 45-60 Minuten sind immer kostenlos, danach werden Sie gebeten, von "Tatort Schreibtisch" z.B. auf ihrem Social Media Account zu berichten, als Dankeschön schalten wir Ihnen weitere Abschnitte des jeweiligen Buches frei.
Hör- und Lesestoff finden Sie hier:
Fragen und Antworten - sofort!
Facebook-Gruppe bietet Forum für den direkten AustauschMitglieder der Facebook-Community haben ab sofort die Möglichkeit, mit vielen der Autorenpaten aus dem Tatort-Schreibisch-Patenprogramm direkt in Kontakt zu treten. In der Gruppe "Autoren-Tipps und Tricks" können Schreib-Interessierte Fragen stellen, die von den Profi-Autoren und -Autorinnen beantwortet werden.
Hier geht es zur Facebook-Gruppe
Eine Bühne für Ihre Projekte
Hier geht es zur Tatort-Schreibtisch-Community
Entdecken Sie die Community von Tatort-Schreibtisch
Tatort-Schreibtisch ist nicht nur ein Ort, an dem Sie Ihre Texte mit Hilfe von Profis weiterentwickeln können. Die Tatort-Schreibtisch-Community bietet allen Teilnehmern der Autorenpaten-Programme ein Forum, Ihre Projekte interessierten Verlagen und Redaktionen vorzustellen. Dies ist ein kostenloses Angebot von Tatort-Schreibtisch (das Sie in Anspruch nehmen können, aber nicht müssen). Auf den Seiten der Community finden Sie außerdem Erfahrungsberichte von Teilnehmern, die das Autorenpaten-Programm erfolgreich abgeschlossen haben.Hier geht es zur Tatort-Schreibtisch-Community
